Das hat «Das Volk» noch nicht erlebt

Chronik des Umsturzes in der grössten Tageszeitung Thüringens im Jahr 1990 nach der Wende

Von Roy Spring

Die Leuchtschrift am Zeitungshochhaus mitten in Erfurt am Juri-Gagarin-Ring ist weit sichtbar. Das Volk ist am Donnerstag, dem 4. Januar, noch die einzige der fünfzehn SED-Bezirkszeitungen der DDR, in der noch die alte Chefredaktion amtiert.

Jeden Donnerstagabend wird in Erfurt demonstriert. Das Volk auf der Strasse ist seit der Wende auch für das Volk im Hochhaus von Bedeutung. Als letztes Mal der Schweigemarsch hier vorbeiführte, hatte ein Demonstrant einen Redakteur oben am Fenster erspäht. «Wir sind das Volk!» skandierten darauf Tausende, «schreibt die Wahrheit, schreibt die Wahrheit!» Einzelne rannten zum Hauseingang und rüttelten an den Türen. Sie konnten noch einmal beschwichtigt werden.

«Liebe betrogene Bürgerinnen und Bürger, unsere Revolution war bisher friedlich, es soll dabei bleiben», begrüsst ein Sprecher des Bürgerkomitees die mehr als 10000 Demonstranten auf dem Domplatz. Für das Volk steht heute Demo-Spezialistin Esther Rethfeldt in der Kälte. Sie bemerkt eine weitere Zunahme der bundesdeutschen Flaggen, hitverdächtig ist die Parole «Enteignet die SED». Mit halbgefülltem Notizblock kehrt sie in die Redaktion zurück und verfasst eine Zwanzig-Zeilen-Meldung.

Es sei gar nicht einfach, plötzlich die Wahrheit zu schreiben, sagt die 34-jährige Journalistin. «Wir haben zu lange mit der Schere im Kopf gelebt.» Die Selbstzensur sei zur Routine geworden. Unter den Journalisten habe eine Art übersteigertes Solidaritätsgefühl geherrscht. «Es ging so weit, dass man seinem Vorgesetzten keine heiklen Artikel vorlegte, weil man ihn nicht in die Verlegenheit bringen wollte, diesen ablehnen zu müssen.» Gelogen habe sie nie, nur die halbe Wahrheit geschrieben. «Anders war Journalismus gar nicht möglich.» Ihr Berufsstolz hält sich deshalb in Grenzen. «Wir waren Mittäter, keine Widerstandskämpfer», sagt sie, «aber wir hatten immer das Wohl der Gesellschaft im Auge.»

Mit achtzehn war sie der Partei beigetreten. «In diesem Alter war ich empfänglich für den Traum von einer gerechten Gesellschaft, doch ich wurde brutal wachgeprügelt.» Das geschah, als am 40. Jahrestag der Republik der FDJ-Fackelzug «Erich» zujubelte, während man am Fernseher die Niederschlagung der Demos in Dresden und Leipzig mitverfolgen konnte. «Das tat weh.»

«Peps» ist das Pseudonym von Hartmut Peters: «Peters-Erfurt-Prager-Strasse». Hier bewohnt der erste Stellvertreter des Chefredakteurs eine Vierraumwohnung. Im Büchergestell steht die «goldene Feder» des DDR-Journalistenverbandes, das rote Telefon hat er vor wenigen Tagen auf eine Abhörvorrichtung untersuchen lassen. Auf die Frage nach einem leuchtenden Beispiel journalistischer Arbeit erinnert er sich fünfzehn Jahre zurück, als die Wäschereien in Erfurt hoffnungslos überlastet waren. «Mehr als sechs Wochen lang musste man auf Kleider warten, oft wurden sie vertauscht.» Peters recherchierte. Er fand heraus, dass die Wäschereien benachbarter Ortschaften nicht ausgelastet waren und schlug vor, Krankenhauswäsche auszulagern - so konnten jährlich 600 Tonnen Waschleistung gewonnen werden. Zwar wurde er vor die Bezirksleitung der Partei zitiert, die sein Dazwischenfunken rügte, doch noch heute freut er sich, dass er den Verantwortlichen für die örtliche Versorgungswirtschaft abgeschossen hatte. Dieser wurde in den damals bedeutungslosen Umweltschutz abgeschoben.

Der alltägliche Journalismus war weniger glorreich: «Am Anfang stand oft die Absicht, zu einem bestimmten Thema wieder einmal etwas zu sagen», erzählt Peters, «dann suchte man sich einen Bürgermeister, Ingenieur oder Professor, der seinen Namen hergab.» Der Journalist war seinem Opfer bei der Formulierung einer solchen Wortmeldung behilflich. «Ich habe immer an die positive Wirkung des guten Beispiels geglaubt.»

Es ist halb acht, die Aktuelle Kamera beginnt. Für Redakteure ein wichtiger Termin, denn bisher galt die Empfehlung des Politbüros, anhand dieser Sendung zu überprüfen, ob man das Tagesgeschehen «richtig» gewichtet habe. «Die ersten zwanzig Minuten gehörten meist Honecker, der dann auch fast die ganze Zeitung belegte», sagt Peters. In der Redaktion hiess es dann spöttisch: «Die Welt hält den Atem an.»

Nun schleppt er seine «Wendemappe» herbei, eine Sammlung von Notizen, Texten, Zeitungen. Sein liebstes Dokument ist ein unveröffentlichtes Manuskript vom Mai 1988. «Passt uns der Unbequeme?» überschrieb Peters seinen Kommentar. Das Thema: die wachsende Zahl von Lesern, die kritische Briefe an die Redaktion richten. Die Unbequemen seien nicht «notorische Nörgler, die an allem aus Prinzip herummäkeln müssen, sondern Leute, die fest auf dem Boden unserer sozialistischen Ordnung stehen und bei jedem Schritt vorwärts in unserer gesellschaftlichen Entwicklung danach fragen, ob es der beste ist. ( ... ) Mir passen die Unbequemen», schrieb Peters, «wir brauchen sie als Hefe des gesellschaftlichen Fortschritts überall in unserem Lande.» Der Artikel verscholl in der Schublade. «Das war unwahrscheinlich ketzerisch», erklärt der 55-jährige Peters, «mit dieser Denkweise war ich anderthalb Jahre zu früh.»

Er atmet schwer, er steht auf und verschwindet im Nebenzimmer. «Was suchst du?» ruft seine Frau ihm hinterher. «Das Parteistatut!» Mit der Taschenlampe bringt Peters Licht ins Dunkel und wühlt. «Gleich kriecht er in den Schrank hinein», meint die Frau, die sich selbst für den «schwärzesten Fleck» in der Kaderakte ihres Mannes hält, weil sie nie der Partei beigetreten ist. Nach einer Weile kommt er wieder, ein rotes Büchlein in der Hand. «Mitglied der SED zu sein ist eine grosse Ehre», steht darin. Weiter hinten hat er eine Passage dick angestrichen. «Jedes Parteimitglied ist verpflichtet, gegen jeden Versuch anzukämpfen, die Kritik zu unterdrücken und sie durch Beschönigung und Lobhudelei zu ersetzen, sowie die Kritik und Selbstkritik von unten in jeder Weise zu fördern». - «Da steht es schwarz auf weiss!» Er glaube weiter an die Grundwerte des Sozialismus. «Jetzt, wo die Partei wehrlos am Boden liegt, treten sie alle mit Füssen», regt sich Peters auf. «Die jetzt austreten und sich als Parteilose brüsten, das sind die wahren Wendehälse», schluchzt er, «auf diese werde ich publizistisch aus allen Rohren schiessen, wenn mir noch die Möglichkeit gegeben ist.»

Er schenkt sich ein Glas «Weinbrand aus Meisterhand» ein. «DDR-Erzeugnis», murmelt er und nimmt einen Schluck. Dann gibt er sich einen Ruck und holt eine Schachtel mit Photos - Erinnerungen an Parteianlässe. Zur Wiedereröffnung des renovierten Schlosses Wartburg im März 1983 war Erich Honecker in der Gegend. Peters war damals Chefredakteur des Volks, der Chef absolvierte ein Lehrjahr an der Parteihochschule. So stand Peters zum Abschied auf dem Erfurter Flughafen in der Ehreneskorte. Ausgerechnet auf ihn steuerte Honecker zu, um sich für den Empfang der Erfurter zu bedanken. Die Photographie verewigt das Zusammentreffen - ein Angehöriger der Staatssicherheit hat abgedrückt. Peters will das Bild nicht aus seiner prominent geschüttelten Hand geben, auf eine mögliche Veröffentlichung lege er keinen Wert.

Nach der Morgenkonferenz am Freitag guckt sich Redakteurin Regina Pelz, 46 Jahre alt, nach einer Beschäftigung um. «Es ist alles mit Fragezeichen versehen», klagt die Leiterin des Ressorts Parteileben, «aber irgend etwas müssen wir ja machen in der Zwischenzeit.» Sie nimmt sich vor, einen «Genossen Bürgermeister» im Bezirk vorzustellen. Die Wahl fällt auf das Dorf Schönstedt. «Er weiss nichts von seinem Glück, wir überfallen ihn einfach», sagt sie und bestellt einen Dienstwagen. Kraftfahrer Walter wartet vor dem Haus. Er steuert den Lada auf der Überholspur an schleichenden Trabis vorbei. «KASKO - bevor es zu spät ist», steht an einer Autobahnbrücke. Regina Pelz schaut auf die Uhr.

Das schöne Rathaus von Schönstedt ist der Mittelpunkt des 1300-Seelen-Dorfes. Der Bürgermeister kommt gerade vom Mittagessen zurück. In seinem Büro formuliert Reporterin Pelz ihr Anliegen: «Wir wollen ein bisschen Wahlpropaganda machen, ohne dass es die Leute merken», sagt sie und schlägt vor, die Unterhaltung per du fortzusetzen, wie dies unter Parteigenossen üblich sei. Sie lässt ihn von den grössten Erfolgen seiner zehnjährigen Amtszeit schwärmen. Da gibt es eine Kartoffelsortierhalle, eine neue Strassenbeleuchtung, und die Feuerwehr feiert ihr 110-jähriges Jubiläum. Sogar ein Schwimmbad sei geplant, «aber das wollen wir noch nicht in die Zeitung schreiben».

«Hast du vor, noch einmal zu kandidieren?» fragt sie im Namen des Volks. Eigentlich möchte er schon, doch die Stimmung im richtigen Volk scheint unerfreulich zu sein: Ein Bürger, dem kürzlich die Zufahrtsstrasse nicht bis vors Haus geteert wurde, habe sich mit den Nachbarn zusammengetan, und seither sei jeder von der SED ein rotes Schwein. «Aber deswegen wirst du doch nicht das Handtuch schmeissen», ermuntert ihn die Zeitungsfrau.

Anschliessend findet ein gemeinsamer Rundgang durch das verschlafene Dorf statt. «Wer früher hier war, muss zugeben, dass es heute schöner ist», spricht der Bürgermeister in den Notizblock. Er deutet auf Fachwerkbauten, Dorfbrunnen und Spielplatz. Wir kommen an der Bäckerei vorbei, eine Urkunde mit Hammer und Zirkel zeichnet den «vorbildlichen Versorgungsbetrieb» aus. «Da könnte ich gleich ein Brot einkaufen», meint die Reporterin, doch der Bäcker ist im Westen. Der besondere Stolz des Bürgermeisters gilt dem neuen «Haus der Dienste». Unter einem Dach sind eine Poststelle («Bitte einzeln eintreten»), ein Frisör («Bitte eigenes Handtuch mitbringen») und eine Zahnärztin. «Da seid ihr aber gut dran», rutscht es Frau Pelz heraus.

Beim nächsten Lokaltermin interviewt sie die Leiterin des Kindergartens. Seit zwölf Jahren beantragt diese eine neue Tür, weil es durchzieht. «Jetzt habe ich wieder Hoffnung», sagt sie und zeigt auf das Enkelkind des Bürgermeisters, das auf dem Boden herumkriecht. «Na, das kann wohl kaum der Grund sein», korrigiert Reporterin Pelz, «ich würde gerne in Ihrer Aussage anklingen lassen, dass der Kindergarten eine hübsche Einrichtung ist. Man kann jetzt nicht einfach draufloskritisieren, nur weil alles drunter und drüber geht.» – «Meine Liebe, meine Tat meiner Heimat DDR», steht auf einer Kinderzeichnung. Der Artikel von Regina Pelz wurde nie veröffentlicht, das Ressort Parteileben am folgenden Montag ersatzlos aufgelöst.

Am Montag beginnen sich die Ereignisse in der Redaktion zu überstürzen. Kurzfristig wird eine Versammlung von Redaktion und Verlag einberufen, wie sie das Volk noch nicht erlebt hat. Der Konferenzraum ist überfüllt, manche stehen vor der Tür. Demokratisch will man darüber abstimmen, ob ein Schreiben an den Parteivorstand in Berlin geschickt werden soll, in dem Entscheidungen zu Grundsatzfragen der Zeitung gefordert werden. Es geht um die Zukunft von Zeitung und Arbeitsplätzen. Ein Kulturjournalist hat die Seite mit den Stelleninseraten aufgeschlagen. «Verflucht, ich will doch nicht Hochdruckkesselwärter werden.»

Allmählich beginnt sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass sich eine «gewöhnliche Partei diesen gewaltigen Medienapparat auf Dauer nicht leisten kann». Die Rettung könne nur der Schritt zur selbständigen und unabhängigen Zeitung sein. Man will der drohenden Enteignung des Parteieigentums zuvorkommen. Eine Redakteurin hat das Gefühl, ihr werde die Pistole auf die Brust gesetzt. Sie möchte den Vorschlag überschlafen. «Vielleicht ist es jetzt schon zu spät», ruft jemand dazwischen. «Die erste unabhängige Zeitung, die am Kiosk erhältlich ist, bricht uns das Genick», warnt Auslandsjournalist Sergej Lochthofen, 36 Jahre alt, «nur wenn wir als erste handeln, haben wir den Hauch einer Chance.»

Nach langem Hin und Her kommt es zur ersten Volk-Abstimmung. Der Antrag wird bei 124 Stimmen mit vier Gegenstimmen und einer Enthaltung angenommen. Das Volk ist die erste Zeitung, die es wagt, der Parteileitung den Vorschlag zu unterbreiten, unabhängig zu werden. Chefredakteur Werner Herrmann, 52 Jahre alt, verhindert allerdings, dass morgen eine Meldung darüber in der eigenen Zeitung steht. Er fürchtet, die Partei könnte sich dadurch erpresst fühlen. Am Mittwoch wird er in Berlin mit der Parteispitze über die Zukunft der SED-Medien beraten.

Heimlich hat sich in den letzten Tagen das kleine Tischchen vor der Kaffeestube zum wichtigsten Ort im Haus gemausert. Am Morgen und nach dem Mittagessen sitzt hier eine Gruppe von Journalisten eng zusammen, die immer entschlossener sind, sich und die Zeitung nicht einfach dem Schicksal zu überlassen. Die Stimmung am Kaffeetisch ist heute, am Dienstag, gereizt. Gerüchte verdichten sich, dass der SED-Parteivorstand seine Parteipresse bis zu den Wahlen am 6. Mai für den Wahlkampf ausnutzen will.

Wolfgang Lindenlaub, 43, Leiter der Innenpolitik, hat die Schnauze voll. Übernächtigt blinzelt er aus dem grauen Rollkragenpulli. «Wenn Werner morgen in Berlin ist, müssen wir die Chefredaktion entmachten», sagt er kämpferisch, «wir bilden eine Gruppe und übernehmen die Geschäfte. Nach aussen muss es aussehen, als wäre die Leitung freiwillig zurückgetreten.» - «Mit widerrechtlichen Aktionen kommen wir nicht weit», dämpft Detlef Rave, 44, Leiter der Landwirtschaft, statt zu putschen müsse man Druck von aussen erzeugen. «Wer fragt denn nach Gesetzen, wenn’s ums Überleben geht?» meint Wolfgang. «Wir brauchen starke Partner im Westen, falls uns die Partei den Hahn zudreht.» Er bringt den Kontakt zu einem Grossverleger in der Bundesrepublik ins Spiel.

Antje Lochthofen, 35 Jahre alt, Mitglied der Chefredaktion, plädiert für einen Kampf mit offenem Visier. «Lass uns noch mal auf Werner zugehen.» - «Werner ist ein Mann der Defensive», hält Wolfgang dagegen, «er hat als Chef neun Jahre lang den Druck der Partei abgedämpft, er ist nicht mehr handlungsfähig.» Dass Herrmann so umgänglich ist und von allen geschätzt wird, mache einen Dolchstoss ja so schwierig, sagt Antje Lochthofen.

Die Redaktion stand letzten Oktober geschlossen hinter dem Chefredakteur, nachdem dieser seinen Rücktritt angeboten hatte. Ein gemeinsamer Feind, der damalige Bezirksleiter und ehrgeizige Kandidat des Politbüros, Gerhard Müller, hatte die Volk-Leute zusammengeschweisst. Detlev: «Wartet doch erst die Entscheidung aus Berlin ab.» Über dem Kaffeetisch hängt die Zeichnung des rumänischen Cartoonisten Ioan Cozacu, der in Erfurt lebt. «Einigkeit macht stark», steht auf dem Transparent, das zwei Demonstranten hochhalten. Doch sie gehen verschiedene Wege, die Parole zerreisst.

Mittwoch, halb zehn, Redaktionskonferenz. Hartmut Peters führt die Geschäfte, während der Chef in Berlin ist. Peters spricht leise, es soll sein letzter Auftritt sein. «Meinungen zur heutigen Zeitung?» nuschelt er. Keine. Die Ressortleiter kündigen in aller Kürze die Themen für morgen an. Der Grund der miesen Stimmung klärt sich am Kaffeetisch auf: Es ist durchgesickert, dass Drucker des Freien Worts, der Thüringer Bezirkszeitung in Suhl, einen Warnstreik organisiert haben. Ein gefährlicher Schuss vor den Bug eines zukünftigen Konkurrenzblattes?

«Jetzt müssen wir es machen», sagt Auslandschef Peter Sterzing, «hier müssen Leute gestürzt werden, bevor wir Hausverbot bekommen.» Bis fünf vor zwölf dauert die anschliessende Krisensitzung, bei der die Chefredaktion abgesetzt wird. Ausser Hartmut Peters haben alle diesen Schritt befürwortet. Peters fügt sich aber der Mehrheit, geht zum Arzt und lässt sich krankschreiben. Später ist zu erfahren, dass er zu Hause einen Nervenzusammenbruch erlitten hat.

Chefredakteur Herrmann ruft am Nachmittag aus Berlin an und bittet, keine «übereilten Schritte» zu unternehmen. Die Redaktion wartet seine Rückkehr ab, um ihm die letzte Möglichkeit zum freiwilligen Rücktritt zu geben. Er weigert sich und verhindert den Abdruck der Unabhängigkeitserklärung in der Donnerstagsausgabe. Herrmann wird an diesem Abend von Günter Osdrowski begleitet, dem ersten Sekretär der Bezirksleitung. Seine Worte sind für alle unvergesslich: «Bevor wir das Parteieigentum hergeben, wollen wir gemeinsam in Ehren untergehen!»

Bevor am Donnerstagmorgen die Redaktionskonferenz beginnt, legen fast alle Ressortleiter ihre Ämter nieder und verlassen den Raum. Sie verlangen, dass ihre Rücktritte im Impressum der morgigen Zeitung erwähnt werden. Vor gelichteten Reihen versucht sich Herrmann zu rechtfertigen: «Wir haben keine Handhabe, der Partei von uns aus die Zeitung wegzunehmen.» Er befürchte einen Flächenbrand, der die Partei aller ihrer Medien berauben würde. «Auch morgen erscheinen wir als Parteiorgan. Ich bin bereit, bis zuletzt Zeitung zu machen, auch wenn ich sie allein mit Agenturmeldungen füllen muss.»

Der Lauf der Dinge ist bereits vorbestimmt. Teilnehmer des Kaffeetisches wissen, dass die Oppositionsparteien dem Volk für die heutige Donnerstagsdemo die Schonfrist verlängern und dass sich die Drucker diese Nacht nicht bereit erklären werden, das Impressum abzudrucken, geschweige denn, je wieder eine SED-Zeitung zu Papier zu bringen.

Wie fast täglich bekommt man auch am Freitag für nur fünfzehn Pfennige eine «historische» Zeitung. Der graue Balken auf Seite 2 spricht für sich. «Es ist ein Expressum», kommentiert der Kaffeetisch süffisant. Um halb zehn bringt Werner Herrmann seine letzten Worte als Chefredakteur über die Lippen. Er habe den Bezirksvorstand dringendst ersucht, ihn abzuberufen. «Wir wenden uns nun der unausweichlichen Konsequenz zu, einer unabhängigen Zeitung. Meine späte Einsicht ist nicht zu entschuldigen. Ich bin der Parteidisziplin gefolgt, wie ich sie gelernt und verstanden habe», sagte er, «mehr kann ich dazu nicht sagen.» Herrmann malt gedankenverloren auf einer Telexmeldung herum. Hinter der Brille glänzen die Augen.
Am Samstag geht in der Kantine der Druckerei «Fortschritt» ein perfekt inszeniertes Theater vor 199 Zuschauern aus Redaktion und Verlag über die Bühne. Das Stück heisst «Unabhängigkeit», die Hauptrolle spielt die Demokratie. Die Regisseure haben die Uraufführung bestens vorbereitet. Hinter den Kulissen sind mögliche Risiken ausgeräumt worden: Sergej hat mit den Oppositionsparteien verhandelt, Detlef sprach den Druckern ins Gewissen, und Peter brachte den Verlag auf seine Seite.

Detlef, vollbärtig und glaubwürdig, moderiert den Anlass. Nach dem geschichtlichen Rückblick lässt er einen Verlagsmitarbeiter optimistisch vorrechnen, dass man bei einem Zeitungspreis von vierzig Pfennigen einen Auflageschwund um die Hälfte verkraften könnte. Im richtigen Moment versichert der Druckereidirektor seine Solidarität. Sergej, im roten Pullover, hat nun die Aufgabe, den Parteisekretär Osdrowski zu einer Aussage zu provozieren. «Es gibt in der ganzen Welt kein Parteiblatt mit einer Massenauflage, sollen wir denn zu einem Mitteilungsblatt verkommen?» fragt er. Darauf Osdrowski: «Wir wollen bis zu den Wahlen so verbleiben, dass dies unsere Zeitung bleibt.» Genosse Gysi wisse von den Absichten des Volks, «er hat mich gebeten, ihn sofort zu informieren.» Antje empört sich mit unterdessen heiserer Stimme über die «menschenverachtende Haltung» der Partei. «Ihr wisst ja gar nicht, was ihr angerichtet habt auf der Redaktion.»

Endlich ist die Zeit reif für die Abstimmung. «Dieser historische Schritt ist wichtig für die Entwicklung der Zeitung und des Landes», leitet Detlef ein. Mit zwei Gegenstimmen und drei Enthaltungen wird das Volk erste unabhängige Zeitung der DDR. Um den «Geruch des Herings» loszuwerden, wird sie in Thüringer Allgemeine umbenannt. Vier Männer klettern mit einem Transparent auf das Vordach über dem Haupteingang und verhüllen DAS VOLK. Die Volkspolizei kreuzt auf, um zu prüfen, ob alles mit den Dingen zugeht, die sie im Augenblick für rechtmässig hält. Dann wählt die Redaktion einen siebenköpfigen Redaktionsrat. In einem vietnamesischen Seegraskoffer werden die Stimmzettel eingesammelt. Gewählt sind: Antje, Detlef, Jochen, Peter, Sergej, Sigurd und Wolfgang - der Kaffeetisch.
Am Montag, dem 15. Januar, als die erste Ausgabe der parteiunabhängigen Thüringer Allgemeinen erscheint, meldet sich spontan eine Agrar-Fliegerstaffel und bietet Plakatflüge zum Selbstkostenpreis an. Die Flugzeuge werden sonst zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt.

 

Dieser Artikel erschien am 2. Februar 1990 in der «Zeit» sowie in «Dagewesen und aufgeschrieben: Reportagen über eine deutsche Revolution», Inst. für Medienentwicklung u. Kommunikation, Verlagsgruppe Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1990