Invasion der Kidnapper aus dem All

Entführungen durch Ausserirdische: Fachleute sprechen von kollektivem Mythos, von Hysterie und Massenpsychose. Gibt es eine höhere Intelligenz im Universum?

Von Roy Spring

Vor ein paar Monaten passierte es wieder. Sie lag im Bett, ein heller Strahl erleuchtete das Zimmer, plötzlich war sie im Raumschiff in einer Art Operationssaal, umringt von glotzenden insektenartigen Wesen. Dann wurde ihr ein kleines grausliges Baby in den Arm gelegt. «Es hatte ein leeres, völlig ausdrucksloses Gesicht, ähnlich wie ein Totenkopf mit Haut darüber, und einen kleinen schrumpeligen Körper», beschreibt sie. Mitgefühl für das eklige hilflose Zwitterwesen überkam sie. Sie begann das Ding zu streicheln, dann wurde es ihr abgenommen. «Die Ausserirdischen haben offenbar Probleme mit ihren hybriden Züchtungen», sagt sie, «ohne Zuneigung kann kein Wesen überleben, das kann jeder Psychologe bestätigen.»

Sie hat kurze schwarze Haare, trägt einen weinroten Rollkragenpulli und am Hals blitzt ein brillantenbesetzter Frosch. Das Büro von Bettina Sollberger* ist in der Direktionsetage eines internationalen Konzerns mitten in der Zürcher City. Sie redet nur, wenn wir ihr garantieren, dass der Firmenname nicht genannt wird. «Das würde mich den Job kosten», sagt sie. Doch soviel schroffe Ablehnung lässt es nur noch notwendiger erscheinen, ihre Begegnungen mit den Ausserirdischen an die Öffentlichkeit zu tragen. Schliesslich gibt es viele Menschen in der gleichen Situation, die aus Angst vor den Konsequenzen den Mut nicht aufbringen, offen darüber zu sprechen.

Die 48-jährige Marketingmanagerin wurde schon als Kind von Ausserirdischen entführt. Das war in Frankreich, in der Nähe von Lyon, wo sie aufgewachsen ist. «Wir wohnten in der Nähe eines Flughafens, ich hatte immer panische Angst vor Flugzeugen», sagt sie. Manchmal sah sie Objekte am Himmel schweben, und sie wusste, das waren keine normalen Flugzeuge. Sie kam nach Hause und erzählte, sie habe Kriegsflugzeuge gesehen und mit kleinen Männchen gesprochen. «Bei den Begegnungen hatte ich eine Riesenpanik, doch gleichzeitig war ich fasziniert.» Die Eltern hatten kein Verständnis. Mit ihren wilden Phantasien mache sie den Geschwistern nur Angst. «Kein Mensch hat mir zugehört, ich wurde immer belächelt, im Innersten fühlte ich mich sehr einsam.»

Die Ausserirdischen liessen ihr keine Ruhe. Mehrmals wurde sie entführt, meist nachts, aber auch tagsüber. Im Raumschiff wurde sie auf einen Operationstisch gelegt. «Bei vollem Bewusstsein musste ich medizinische Untersuchungen über mich ergehen lassen», sagt sie, «ich war völlig wehrlos, es war sehr erniedrigend.» Dabei, so sagt sie, «hatte ich schon als Kind Panik vor allem, was mit Sexualität zusammenhängt, später hatte ich panische Angst vor einer Geburt, und noch heute sind für mich ärztliche Untersuchungen im genitalen Bereich der absolute Horror».

Nach dem Erlebnis wachte sie jeweils schweissgebadet auf. Am ganzen Körper hatte sie rote Spuren von Sonden, die man ihr angeschlossen hatte. Die Nachwirkungen dauerten mehrere Tage. «In dieser Zeit war ich wie elektrisch geladen, hatte starke Fieberschübe, war psychisch schwer erschüttert», sagt sie. «Das ist kein Traum, das hinterlässt Spuren, dass muss wahr sein.»

Sollberger glaubt, dass ihr die Ausserirdischen Eizellen entnommen haben und dass sie auf ihrem Planeten ein Forschungsprogramm mit künstlich befruchteten genmanipulierten Wesen durchführen. «Es sind roboterähnliche Wesen, die vom Aussterben bedroht sind, weil sie ohne Gefühle nicht weiterexistieren können. Sie sind an uns Menschen interessiert und versuchen, eine neue Rasse heranzuzüchten.»

Für sie ist es kein Zufall, dass sich Ausserirdische für die Erde interessieren: «Seit wir Atombomben zünden, sind wir auch für andere Planeten zu einer Bedrohung geworden.» Weil sich der Mensch im Universum so rücksichtslos verhält, wundert sie sich nicht, dass sie selbst als Geisel im Raumschiff ohne Mitgefühl behandelt wurde. «Wir gehen ja mit anderen Wesen nicht anders um, zum Beispiel bei den Tierversuchen.

Das alles erzählt sie sachlich, ohne sichtliche Gefühle. Nur eine Neonröhre an der Decke beginnt zu flackern. Die Managerin überlegt nicht lange, klettert auf den Schreibtisch und schraubt die Röhre aus der Fassung. «Wenn ich etwas nicht verstehe, suche ich nach dem Warum und Wieso», sagt sie. Schon als Kind begann sie sich für die Ufos zu interessieren, dann beschäftigte sie sich mit Parapsychologie. Das Schlüsselerlebnis hatte sie vor zehn Jahren, als das Buch «UFO Abductions» von Budd Hopkins auf den Markt kam. Der amerikanische Psychiater hatte Berichte von Entführungen gesammelt, erstmals bestätigte ein Wissenschaftler, dass es keine krankhaften Wahnvorstellungen waren, sondern dass viele Menschen dasselbe erlebten.

In Amerika behaupten inzwischen vier Millionen Menschen, dass sie von Ausserirdischen gekidnappt worden sind. «Warum sollte es also in Europa nicht geschehen?», fragt Sollberger. Die letzten Zweifel an ihren eigenen Wahrnehmungen verlor sie beim Buch «Stemensaat» von Cyssa Royal, «das waren absolute Aha-Erlebnisse». Auch die Robotbilder, gezeichnet nach Beschreibungen von Entführten, sind sich so ähnlich, dass jeder Richter ohne Bedenken einen Haftbefehl ausstellen würde. Auch Sollberger hat ein Porträt gezeichnet: Das insektoide Wesen hat einen grossen kahlen Kopf in Form einer Glühbirne und schlanke Hände mit je vier langen Fingern.

Lange Zeit war sie von Heimsuchungen verschont geblieben. «Es ist komisch, plötzlich hat man Sehnsucht und fragt, warum sie nicht mehr kommen», sagt sie. Doch sie ahnt den Grund: «Vor zehn Jahren wurde mir bei einer Unterleibsoperation die Gebärmutter entfernt, ich komme also als Zuchtobjekt nicht mehr in Frage.» Sie sei jetzt für Betreuungsaufgaben vorgesehen.

Das Gefühl, gebraucht zu werden, sucht sie im Himmel wie auf Erden. Darum will sie nun anderen Opfern helfen. Persönlich kennt sie neun weitere Fälle, eine Selbsthilfegruppe ist im Entstehen. Die Leiterin, eine Psychologin, wird regelmässig von Ausserirdischen verschleppt und war schon zweimal ohne sexuellen Kontakt schwanger. Nach drei, vier Monaten, man registrierte bereits die Herztöne, war das Kind plötzlich spurlos verschwunden. «Die Ausserirdischen holen die Föten nach drei, vier Monaten wieder ab, um sie selbst auszutragen», weiss Sollberger. Die Frau konnte die in Reagenzgläsern heranwachsenden Zwitterwesen immer wieder sehen.

Trotz unterschiedlichen Alters, Berufs und Aussehens gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den Betroffenen: «Wir alle sind um die Umwelt und die Zukunft unseres Planeten besorgt, alle kümmern sich um die Ethik und Verantwortung der Menschheit, alle wurden bereits als Kinder entführt», sagt Sollberger. Unter den Entführten sind zwei Kinder: ein vierjähriges Mädchen und ein besonders intelligenter achtjähriger Bub, der Sternensysteme zeichnen kann. Im Raumschiff bekam er auf einem Bildschirm die Verwüstungen auf der Erde zu sehen.

Die Geschäftsfrau hofft nun, dass sich weitere Opfer getrauen, zu ihren Erlebnissen zu stehen. Im Büro nebenan sitzt beispielsweise eine junge Frau, die sich seit ihrem Fernsehauftritt bei Tele-Züri auffällig verhält. «Ich vermute, sie ist ebenfalls entführt worden», sagt Sollberger. Oder: Im Intercity von Zürich nach Bern sass ihr kürzlich ein gutgekleideter Geschäftsmann gegenüber. Da meldete sich in ihrem Kopf eine Stimme, die unaufhörlich sagte: «Du musst mit ihm über Ufos reden.» Auf Umwegen kam sie zum Thema, als das Stichwort fiel, wurde der Mann kreidebleich. Es stellte sich heraus, dass er ebenfalls entführt worden war. Der Mann – Vizepräsident einer Schweizer Grossbank – redete von Merkmalen an seinem Penis, nachdem ihm ausserirdische Wesen Spermien abgezapft haben.

156 89 09 – unter dieser Nummer ertönt kein Stöhnen, sondern meldet sich der neu ins Leben gerufene Hilfsdienst für Ufo-Entführte. «Viele Entführungsopfer haben das Bedürfnis, mit jemandem über ihre traumatischen Erlebnisse zu reden», sagt Markus Eschbach. In verwaschenen Jeans und mit Faserpelzpulli sitzt der 27-jährige Sozialpädagoge am Steuer seines alten BMW. Ein Wunderbaum verströmt Vanillearoma, an der Fensterscheibe klebt ein Plüschtier mit Saugnäpfen, zwei ineinander verschlungene Delphine zieren die Motorhaube, und neben der Handbremse liegt das Natel, über das er die Anrufe der Hilfesuchenden empfängt. Das Gespräch mit dem Sozialpädagogen, der bis vor kurzem in einem Kinderheim gearbeitet hat, kostet 2 Franken 13 in der Minute.

Die Idee für die 156-er-Nummer kam ihm spontan, als er Mitte Dezember im Schweizer Fernsehen einen Dokumentarfilm über das Phänomen der Ufo- Entführungen in Amerika sah. «Für die Nummer bezahle ich monatlich 350 Franken, dazu kommen 69 Franken Natelgebühren», rechnet er vor, «ein Psychiater kassiert gut und gerne das Doppelte und Dreifache in der Stunde.» Nun will Eschbach eine Datenbank aufbauen, um Leute zusammenzuführen, die an Übersinnliches glauben und alles Undenkbare für möglich halten. «Die Nummer soll das Hundertelfi fürs neue Zeitalter werden», sagt er.

Für Esoterik interessiert sich der Baselbieter, seit er in einem Kurs seine Fähigkeiten zum Handauflegen entdeckte. «Ich hielt das Ganze erst für gestörtes Zeug», sagt er. Doch je mehr er darüber hörte und las, desto plausibler wurde die Sache. Ihm gefiel auch «die tolle Atmosphäre der Gleichgesinnten an den Seminarien, dieses Gefühl der Geborgenheit». Er wurde Mitglied der Schweizerischen Ufo-Gruppe, kurze Zeit später sichtete er auf der Autobahn zwischen Zürich und Wädenswil ein Ufo mit leuchtendem Energiefeld. Zweifel an seiner Beobachtung hat er nicht. «Die Ausserirdischen haben Psi-Fähigkeiten, dass es chlöpft und tätscht», sagt Eschbach.

Das Auto rollt Richtung Kloten, vorbei an der Start- und Landestation von irdischen Flugobjekten. Ein glänzender Metallvogel hebt ab, eine alltägliche Erscheinung. Eschbach parkiert vor einem grauen Mehrfamilienhaus, im ersten Stock ist das Medium Acedaih Dafi zu Hause. Die 48-Jährige erscheint im blauen Blümchenkleid mit goldenen Schuhen und stark geschminkten Lippen. Sie ist die Organisatorin des ersten Ufo-Weltkongresses vom 22. bis 25. Februar im Zürcher Hotel «Nova-Park». Dort wird erstmals bewiesen, dass Hitler Ufos gebaut und Testflüge zum Mars unternommen hat. Endlich wird verraten, wo in der Schweiz die ergiebigen Erdölquellen liegen und warum der Papst Dokumente verheimlicht, die die Existenz von Ufos und Ausserirdischen zweifelsfrei belegen. Die Luft im Zimmer ist mit ätherischen Düften geschwängert, die sich über einer Flamme verflüchtigen.

Dafi und Eschbach kennen sich zwar erst seit wenigen Tagen, doch die Schwingungen stimmen, man denkt das gleiche, es geht um die grosse Sache, die nicht in Worte zu fassen ist. «Die Menschheit soll endlich wachgerüttelt werden», deutet Dafi an.

In Ägypten hat die gebürtige Zürcherin, die nach Belieben in die Vergangenheit und in die Zukunft reisen kann, zum letzten Mal ein Ufo gesehen. «Mitten in Zürich gibt es eine unterirdische Ufo-Station, eine weitere ist bei Scuol im Bündnerland», sagt Eschbach. Das hat ein Anrufer über die 156-er-Nummer durchgegeben. Medium Dafi, gelernte Schneiderin, hat weitere Informationen: «Die Entführer können nur die Plejadier sein», sagt sie bestimmt. «Warum gerade die?» möchte Eschbach wissen. Dafi erinnert an den Machtkampf im Kosmos zwischen den Marsianern, knallharten Kriegern, und den Jupiteranern. Die Jupiteraner setzten neuartige Energiewaffen ein und siegten. Seither ist der Mars ein toter Planet, doch ein Teil der Marsianer konnte sich auf die Plejaden retten. Die Plejadier, machthungrige und berechnende Wesen, hatten die Absicht, die eigene Rasse kämpferischer zu machen. Mit Genmanipulationen züchteten sie eine neue Rasse heran. Technik und Intellekt 0standen im Vordergrund. Emotionen schienen überflüssig. Kurzerhand wurde die Seele wegrationalisiert. Doch jetzt sind die roboterähnlichen Wesen mit dem Ameisenkopf, auch die kleinen Grauen genannt, vom Aussterben bedroht. Auf der Erde, wo es Liebe und Hass im Überfluss gibt, wollen sie sich die Gefühle zurückholen. Darum werden Frauen und Männer entführt und zu Fortpflanzungszwecken missbraucht.

Nur etwas hat Dafi verunsichert: Warum gibt es so viele Entführungen und so wenige Ufo-Sichtungen? «Jahrelang habe ich nach der Erklärung gesucht», sagt Dafi, plötzlich ging ihr ein Licht auf: «Die Ufos müssen gar nicht immer im Garten landen, sie verharren in der Erdgürtelzone, die Klappe öffnet sich, ein grünlicher Strahl, ähnlich Neonlicht, fällt auf die Erde.» Dann beamen sich die kleinen Grauen direkt ins Schlafzimmer und entführen ihr Opfer, indem sie es vorübergehend immaterialisieren. «Das ist ja wie beim Raumschiff Enterprise», sagt Eschbach. «Science-fiction ist immer hundertprozentige Wahrheit», entgegnet Dafi.

Eschbach hat dazugelernt und hofft, dass die Entführten kurz nach ihrer Rückkehr die 156-er-Nummer einstellen. Bei jedem Gespräch macht er Notizen, die Protokolle führt er in einem roten Plastikköfferchen mit. «Das ist meine Entführungsakte», sagt er und legt die Dokumente auf den Tisch. Bei den meisten Anrufern handelt es sich um verunsicherte Alte, die den Artikel im «Tages-Anzeigen» («Von Ufo entführt? Tel. 156 89 09 hilft») gelesen haben. «Ich beruhige sie und sage, dass es sich bei ihren Wahnvorstellungen nicht unbedingt um Ausserirdische handeln muss», sagt Eschbach. Andere Anrufer sind froh, dass ihnen endlich jemand sagt, dass sie nicht spinnen, wenn sie Ausserirdischen begegnen – schliesslich sind sie nicht die einzigen.

Gestern rief eine Frau aus Rüschlikon an. Sie hatte nachts eine kühle Hand am Ohr gespürt, und eine leise Sürnme sagte: «Komm!» Ein Mann aus Zürich berichtete von Kontakten: Die Grauen hat er in schlechter Erinnerung, doch es gibt auch Gutmütige, die er als «grosse, blonde und blauäugige» Wesen beschrieb; sie haben die Evakuierung der Menschheit vorausgesagt. Eine Frau aus Winterthur sagte, sie sei als Neunjährige erstmals abgeholt worden. Kürzlich, sie sass in der Badewanne, sei «ein Ausserirdischer so gross wie ein Neger» gekommen und habe sie entführt. Die Frau sagte übers Natel, sie sei als Kind von ihrem Vater sexuell missbraucht worden. «Da setze ich natürlich ein grosses Fragezeichen, was ihren Geisteszustand anbetrifft», sagt der 27-jährige Sozialpädagoge.

Nicht immer sind die Folgen nur psychischer Natur. Manchmal werden Einzelteile wie Eileiter oder Gebärmütter gestohlen, in einigen Fällen wird von Wunden am ganzen Körper berichtet. Eschbach hat solche Spuren, sogenannte Stigmen, mit eigenen Augen gesehen. «Es sind runde vernarbte Stellen, wo die Fremden ihre Instrumente angesetzt haben, es sieht aus, als hätte jemand mit einem Spiralbohrer in die Haut gebohrt.» Es kommt vor, dass Entführten Metallsonden in die Nase, in die Schulter oder in den Hintern eingepflanzt werden. «Diese Mikrochips dienen der Kontrolle und der Gedankenbeeinflussung», weiss Eschbach. Solche Fälle vermittelt er an einen Arzt in Zürich, der die Metallteile operativ entfernt, oder an eine Ärztin in Basel, die Implantate mit mentalen Kräften in Nichts auflösen kann.

Eschbach glaubt, echte Entführte von Psychopathen trennen zu können. «Man bekommt ein Gschpüri, wem es ernst ist und wer reif ist für die Psychi», sagt er. Den Spinnern versucht er schonend beizubringen, dass sie sich am besten an einen Psychiater wenden. Für die wirklichen Ufo-Opfer hat er einen anderen Abnehmer: Dr. phil. Hans-Martin Zöllner, den Leiter des Psychologischen Dienstes der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.

In der Klinik Burghölzli, wo Patienten oft nur am Fehlen eines Namensschildchens vom Personal zu unterscheiden sind, befindet sich am Ende eines langen Ganges das Büro von Hans-Martin Zöllner. Ein Bild an der Wand zeigt ihn mit eindringlichem Blick im weissen Kittel, daneben hängen Diplome, die ihm einen Platz in der Welt der Wissenschaft sichern: An einer anderen Wand hängt ein buntes Bild, gemalt von einer schizophrenen Patientin. Es zeigt ein Wesen mit grossem mandelförmigem Kopf mit bedrohlichen grossen Augen und nach unten gezogenen Mundwinkeln. Ein Ausserirdischer? Zöllner zögert, er betont, dass seine Aussagen keinesfalls in Zusammenhang mit der Uniklinik gebracht werden dürfen. Es handle sich ausdrücklich um persönliche Ansichten.

Die Wissenschaft ist skeptisch, sie hält das Phänomen für erklärbar: Die Euphorie in der Raumfahrt nach dem Zweiten Weltkrieg habe im Menschen die Vorstellung geweckt, er könne schon bald mit ausserirdischen Wesen in Kontakt treten. Doch schnell sei klar geworden, dass die Raketen dazu viel zu schwach sind, darum habe sich rasch die Idee durchgesetzt, die Ausserirdischen müssten zu uns kommen. Ein Mythos sei entstanden, der sich durch Pseudo-Fachliteratur immer weiter entwickelt. Diffuse Ängste und sexuelle Gewalterlebnisse würden damit verknüpft und symbolisch-mystisch verarbeitet. Entführungsfälle würden von Opfern und Psychologen systematisch herbeigeredet.

Auch für eingebildete Entführungsfälle haben Fachleute eine Erklärung: Schuld an der Massenpsychose sei die bisher weitgehend unerforschte Schlaflähmung – bis zu 30 Prozent der Menschen seien davon betroffen. Dabei liegt das Opfer wach im Bett, kann sich nicht bewegen und hat das panikartige Gefühl, jemand sei im Raum anwesend. Es könne sich aber auch um eine weit verbreitete neue Form von epileptischen Anfällen handeln oder gar um Selbsthypnotisierungen. Die Entführtenbewegung sei das Resultat einer immer grösseren Kluft zwischen Technik und Gefühlswelt.

Zöllner ist sich nicht so sicher wie die meisten seiner Kollegen. Nicht erst seit kurzem interessiert er sich für Ufos und Ausserirdische. Ganz im Gegenteil: Er ist ein profunder Kenner der Szene, die einschlägige Fachliteratur ist ihm geläufig. Er selbst hat vor acht Jahren einen Science-fiction-Roman veröffentlicht. Titel: «Orka – Bilder eines guten Ortes». Im Kapitel «Endlich: Begegnung der dritten Art» schreibt er: «Plötzlich geschah etwas Eigenartiges: ich hatte ein Tua-res-agitur-Erlebnis. Die Schizophrenielehre definiert es als die nicht wegzuargumentierende Überzeugung, gleich geschehe etwas ganz Wichtiges, was persönlich auf einen gemünzt ist. Ich hatte also das unabweisbare Empfinden: gleich wird dir etwas begegnen, was dein ganzes Leben verändern wird. ( ... ) Mit einemmal, wie wenn der Vorhang vorm Allerheiligsten zerreisst, wurde mir klar, was passieren würde: ich würde über kurz oder lang von Extraterrestrischen entführt. Diese Erkenntnis schuf Ruhe: wie wenn nun alles Unerklärliche erklärt, alles Unzusammenhängende in einen plausiblen Zusammenhang eingebunden worden wäre.» Die Beschreibung des Planeten Orka verrät Zöllners Sehnsucht nach einer besseren Welt. Er schreibt: «Ich verfluchte unsere irdische Entwicklung. Sie war nicht umkehrbar. Und auf Orka hatte ich vor Augen, wie es hätte sein können.»

In Gesprächen mit gut einem Dutzend angeblichen Entführungen hat Zöllner erstaunliche Übereinstimmungen festgestellt. Immer gleich werden etwa die Kommunikationsformen der Wesen beschrieben (Ausserirdische reden, ohne den Mund zu bewegen); auf ähnliche Weise werden während der Entführung Partner, Kinder oder Haustiere ausgeschaltet; charakteristisch sind auch die schwerwiegenden Folgen, nämlich eine tiefe existentielle Verstörung und Entfremdung. Diese Parallelen habe dem Psychologen Zöllner zu denken gegeben.

«Sicher handelt es sich in den meisten Fällen um den schizophrenen Wahn von geltungssüchtigen Psychopathen», gibt Zöllner zu, «doch bei einem Teil der angeblich Entführten ist es nicht so einfach.» Zöllner zögert, bevor er weiterfährt. «Nein», sagt er dann, «ich bin tatsächlich überzeugt, dass ein Teil dieser Leute nicht spinnt, das ist ja das Ketzerische.» Eine verzwickte Situation: Es kann vorkommen, dass Zöllner Patienten, denen er persönlich glaubt, von Berufs wegen als Spinner betrachten muss. Um besser damit fertig zu werden, trifft er sich in unregelmässigen Abständen mit einer Gruppe von deutschen, Österreicher und Schweizer Ärzten und Psychologen zum Erfahrungsaustausch. «Uns eint der Glaube, dass es wahr ist», sagt Zöllner. Um seinem Glauben an Ufos und Ausserirdische einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben, ist er jetzt dabei, eine «Differentialdiagnostik» zu erarbeiten, um zweifelsfrei echte von unechten Entführungsopfern zu unterscheiden. Keine einfache Aufgabe, denn Zöllner kann beim besten Willen nicht ausschliessen, dass hin und wieder auch psychisch Kranke von Ausserirdischen entführt werden.

Zöllner ist sich bewusst, dass er mit dem Coming-out seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzt. Doch als Psychologe weiss er, warum sich unverbesserliche Rationalisten so schwer tun mit dem Akzeptieren der Existenz von Ausserirdischen. «Es droht die vierte grosse Demütigung in der Geschichte der Menschheit», sagt er. Die erste war die kopernikanische: Die Erde ist nicht das Zentrum des Kosmos. Die zweite war die darwinistische: Der Mensch stammt in direkter Linie vom Affen ab. Die dritte war die freudsche: Der Mensch ist nicht Herr über seine Triebe. Und als vierte Schmach droht jetzt die extraterrestrische: Es gibt eine höhere Intelligenz im Universum.

*Name im Interesse der Betroffenen geändert.

Dieser Artikel erschien am 18. Januar 1996 in der «Weltwoche»