Helden im Kampf gegen den Luftwiderstand

Zu Gast bei den Schweizer Triathleten im Trainingslager auf Lanzarote. Es sind Anzeichen einer Sucht auszumachen.


Von Roy Spring

 

Scheibenräder sirren durch die sengende Hitze. Eine bunte Horde ehrgeiziger Sportler zerteilt auf aerodynamischem Gefährt vornübergebeugt die rötliche Vulkanwüste von Lanzarote. Für Triathleten ist es die passende Umgebung: Wie die anspruchslosen Pflanzen, die am Rand der holprigen Piste im Lavageröll ihr Dasein fristen, begnügen sie sich mit spärlichen Wasserreserven – hin und wieder zum Bidon greifend.

Ein Triathlet wäre kein solcher, wenn er nach einer Hundertkilometer-Radtour sein Tagewerk beschliessen würde. Dreimal tägliches Training haben sich die meisten verschrieben, und das nicht nur in den Ferien. Der Dauerlauf im Morgengrauen war nur das Vorspiel, und vor dem Dauerschwimmen wagt die rote Abendsonne nicht im Atlantischen Ozean zu versinken.

Abgerackert und zufrieden – sprich: ohne schlechtes Gewissen – geben sich die Triathleten nach drei Trainingseinheiten dem autogenen Training am Swimmingpool hin, dem gemütlichsten Traktandum im Triathlon-Camp auf der kanarischen Insel. «Wie bei einem Vulkan sprüht Feuer aus dem Sonnenzentrum des Körpers», meditiert Kursleiter Markus Wepfer. Ringsherum dösen die abgekämpften Hochleistungssportler in den Liegestühlen. Für heute sind die Vulkane erloschen.

Hier am Pool hat der 36-jährige Erwin Dubach ein paar Minuten Zeit für die Presse. Zuhause in Hinwil kommt das selten vor. Dort beansprucht ihn sein Geschäft für sanitäre Installationen. «Ich schufte bis zu 15 Stunden täglich», sagt er. Zudem sei er Präsident des Gewerbevereins, Obmann bei Meisterprüfungen, Mitglied der Schulpflege. «Ohne Ausgleich könnte ich solch ein Mordsprogramm nicht verkraften.»

Vor acht Jahren versuchte er es mit Jogging und fand heraus, dass er mit wenig Aufwand stundenlang laufen konnte. «Ich entdeckte den Reiz extremer Ausdauerleistungen.» Seither hat er 53 Waffenläufe und neunmal den Hundertkilometer-Lauf von Biel absolviert, zuletzt unter acht Stunden. Wie die meisten seiner Leidensgenossen hat er durchs Fernsehen vom Ironman erfahren, der mörderischen Hetzjagd auf Hawaii bei 40 Grad Celsius und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. «Ich war sofort angefressen.» Zum Angewöhnen bestritt Dubach den Trans-Swiss-Triathlon, den härtesten Wettkampf Europas: 3,8 km Schwimmen im Lago Maggiore, 180 km Radrennen über den Sankt Gotthard und 42 km Laufen von Winterthur bis zum Rheinfall.

Seriös bereitete er sich auf den sportlichen Höhepunkt vor. Doch einen Monat vor dem Ernstfall auf Hawaii verhedderte sich nach dem «Schwumm» im Hallenbad der Plastiksack mit dem Badezeug unglücklich in den Speichen des Vorderrads: Schädelbruch. Doch schon ein Jahr später hat er seinen Traum verwirklicht; das Ironman-T-Shirt, die Ironman-Uhr und die lronman-Schildmütze beweisen es. Fast vier Kilometer ist er durch den Stillen Ozean geschwommen, hat anschliessend die 180 Kilometer auf zwei Rädern abgespult und den Marathonlauf zum Dessert überstanden. «Oft war ich nahe am Heulen, trotzdem war’s der Plausch», fasst der «Finisher» des Original-Triathlons die elf Stunden zusammen.

Auf der Suche nach einem Lebensinhalt ist der 25-jährige Lars Raggenbass* auf der kargen Vulkaninsel gelandet. «Ich sehe nicht recht ein, warum wir auf dieser Welt sind», sinniert der Bankangestellte, «je mehr Freizeit ich habe, desto schlechter geht es mir.» Nach der Schule liebäugelte er deshalb ernsthaft mit der Fremdenlegion und hoffte, er würde wenigstens in der Armee «bis zum Anschlag gefordert». Dem sei nicht so gewesen, also versuchte es der junge Leutnant mit Bodybuilding. Täglich rackerte er sich in der Folterkammer ab, half mit Protein-Drinks und dubiosen Pülverchen nach. Ein Jahr später, zwanzig Kilo schwerer, fand er sein Hobby langweilig und ungesund. Da kam der Triathlon gerade recht, in den man massenhaft Freizeit investieren kann.

Was als harmlose Freizeitbeschäftigung begann, brachte den 19-jährigen Patrick Zangerlé in ernsthafte Schwierigkeiten. «Am Arbeitsplatz konnte ich mich nicht mehr konzentrieren», berichtet der kaufmännische Angestellte, «ich dachte nur noch an Triathlon.» Weil der Sport wichtiger wurde als die Freundin, habe er auch diese «geopfert». Glücklicher sei er bisher trotzdem nicht geworden, «ich habe täglich sinnlos Kilometer gebolzt.» Also hat der Teenager gespart und Lanzarote gebucht. Hier hofft er, sein Hobby in den Griff zu bekommen.

Ob im hier geholfen werden kann, ist fraglich. Denn auch für den Kursleiter Markus Wepfer («Ich bin Physio-, nicht Psychotherapeut») ist der Beruf die wichtigste Nebensache. Der Berner schwimmt morgens, rennt mittags und radelt abends. Vergeblich hatte der 32-jährige Familienvater nach dem Ironman vor zwei Jahren versucht, seine zeitraubende Sportlerkarriere an den Nagel zu hängen. Doch die Entzugserscheinungen liessen ihm keine Wahl: Er musste weitertrainieren. Mit dem Fehlen eines Titels entschuldigte er den Rückfall vor sich und seiner Familie. Doch als er die Goldmedaille am Hals hatte, machte er sich nichts mehr vor: «Triathlon kann zur Sucht werden», gesteht der Schweizer Meister.

Für solche Abhängigkeit hat er eine Erklärung: Bei extremen Ausdauerleistungen produziert der Körper Endorphin, ein körpereigenes Morphium. «Nach dem Wettkampf erlebe ich ein geistiges Hoch», berichtet Wepfer, «ich schwebe auf einem Wölkchen.» Ungefähr eine Woche dauere dieser «Trancezustand», der durch Erfolg noch verstärkt werde. Das «High» sei vergleichbar mit einem Rausch durch Drogenkonsum – doch gleichzeitig sinke der Testosteronspiegel auf den Nullpunkt. Für seine Partnerin bedeutet das jeweils, dass seine Bedürfnisse mit einer guten Diskussion befriedigt sind.

Was es bedeutet, unter Erwartungsdruck zu stehen, verdeutlicht niemand besser als der 25-jährige Halbprofi Peter Eitzinger. Bei seinem ersten Triathlon vor vier Jahren kam der damalige Bankangestellte mit einem geliehenen Velo und ausgelatschten Turnschuhen überraschend früh ins Ziel. An den Schweizer Meisterschaften wurde er auf Anhieb Dritter und kassierte 800 Franken Preisgeld. So kam es, dass der unbekümmerte Newcomer immer mehr Kurztriathlons gewann. Bis er angefragt wurde, ob er in einem Profi-Team mitmischen wolle. Eitzinger kündete seinen Job, und ab sofort crawlte, pedalte und rannte er für zuckerfreie Lutschbonbons mit viel Vitamin C und wurde zum Werbeträger eines Blütenpollen-Weizenkeim-Granulats.

Profimässig ausgerüstet, startete er in die Saison 1987. Nicht ihm, sondern dem verflixten Collé ging beim ersten Wettkampf die Luft aus. Beim zweiten Triathlon an einem schwülen Tag hatte er soviel Vorsprung, dass der Verpflegungsposten noch nicht parat war; Eitzinger dehydrierte und kollabierte beim Laufen. Ende Saison nahm er nochmals Anlauf. Doch die Schaltung des Fahrrads streikte, und im grössten Gang war der steile Schluss Hügel beim besten Willen nicht zu schaffen.

Die nächste Saison ist schnell erzählt: Im ersten Wettkampf wurde Eitzinger in der Schlusskurve vom Kamera-Auto überfahren. Die Pechsträhne und das Ausbleiben der erhofften Popularität («Im Fernsehen zeigen sie immer nur zusammenbrechende Triathleten») liessen die Sponsoren zurückkrebsen. Immerhin fand sich ein Sportgrossist, bei dem er halbtags arbeiten darf. Und eine Versicherungsgesellschaft hat er überredet, ihn mit einem Prämiensystem zu unterstützen – abhängig vom Schlussrang.

Dass auch Material eine wichtige Rolle spielt, war bei der Anreise der Triathleten nicht zu übersehen. Erwin Dubach nahm nebst Kind und Kegel auch sein wertvolles Scheibenrad mit ins Flugzeug. Und er wäre beinahe verhaftet worden, als Beamte beim Durchsuchen des Handgepäcks die Luftdruckkapseln entdeckten, mit denen platte Reifen sekundenschnell aufgepumpt werden können.

Bei aller Anstrengung wählen Triathleten den Weg des geringsten Luftwiderstands. Weil sein Triathlon-Dress über keine einzige überflüssige Naht verfügt, pflegt Erwin Dubach seine Bananen mit Isolierband ans Velo zu kleben. Im Kampf um weitere Sekundenbruchteile hat sich Markus Wepfer die Haare an den Beinen wegrasiert. «Ich gleite wie ein Fisch durchs Wasser», schwärmt er, «pro Kilometer bin ich eine halbe Minute schneller.» Patrick Zangerlé hat es dem Kursleiter gestern Abend gleichgetan – «das gehört dazu». Doch er hat die Snipp-Creme zuwenig lang einwirken lassen und mit der Rasierklinge nachgeholfen. «Jetzt sehe ich aus wie ein gerupftes Huhn.»

*Name geändert

Dieser Artikel erschien am 29. Juni 1989 in der «Weltwoche»