Wirbel um den Sturm im Saugrohr

Erlebnisse und Erkenntnisse eines Staubsaugervertreters. Unterwegs mit Walter Bruhin, genannt «Dr. Tornado».

Von Roy Spring

Ein Zehntelgramm Staub wirbelt völlig unsichtbar durch jeden einzelnen Kubikmeter Morgenluft, als ein weisser Opel in Zürich-Schwamendingen zum Parkieren ansetzt. Die Aufschrift «Tornado» verrät, was die Stunde geschlagen hat: Tornado ist der Name des Staubsaugers, den der nahende Vertreter vertritt. Der neueste Typ, der TO-120 mit Elektroteppichbürste, Kombidüse und zwei Motoren in Bodennähe schluckt 1776 Liter Luft in der Minute. Eine Frau winkt, scheinbar erfreut. Kein Zweifel: Wir befinden uns in einer Gegend, wo überdurchschnittlich viel mit Tornado gesaugt wird. Tornado heisst auch ein kurzer heftiger Wirbelsturm. Der von ihm eingeschlagene Weg ist aussergewöhnlich schmal und bringt einiges durcheinander. Charakteristisch ist der einem Elefantenrüssel ähnliche Wolkenschlauch.

Staub ist mehr als nichts. Wer Staub aufwirbelt, bringt Partikelchen mit einem Durchmesser von etwa einem Hundertstelmillimeter in Bewegung. Die Fallgeschwindigkeit des Staubs ist so gering, dass seine Ablagerung oft erst nach Wochen oder Jahren erfolgt. Der Wind trägt die schwebenden Teilchen nicht selten Tausende von Kilometern weit. Eine sichtbare Staubschicht bedeutet, dass sich pro Quadratmeter ungefähr hundert Millionen Stäubchen abgelagert haben. Sie stammen von Vulkanausbrüchen, Waldbränden, Sandstürmen, Baustellen, Pflanzen oder toten Insekten. Selbst der Mensch ist eine Staubquelle: Die äussersten Zellschichten der Haut verhornen und werden täglich als winzige Schuppen abgestossen. Nur wenige Leute haben sich beruflich dem Kampf gegen jede Art von Staub verschrieben, wie etwa der 48-jährige Staubsaugervertreter Walter Bruhin. Mit ihm sind wir unterwegs.

«Ich beginne bewusst beim hintersten Block», kommentiert er, «sonst wissen alte, dass ein Vertreter in der Gegend ist.» Viele verdunkeln sonst die Wohnung, machen nicht auf oder gehen absichtlich einkaufen. Federnden Ganges steigt der Mann die Treppe empor und zwitschert die Beatles-Melodie vom gelben Unterseeboot, in dem wir alle leben. «Man darf doch hören, wenn ein fröhlicher Mensch kommt», sagt er und macht vor der ersten Türe halt. Mit dem Oberkörper wippt er nach vorne, balanciert tänzerisch auf nur einem Bein und liest den Namen vom Türschildchen ab. Dann tritt er zwei Schrittchen zurück, präsentiert sich vor dem Guckloch und klingelt mit eleganter Geste, bewusst kurz und unaufdringlich.

Ein Spalt nur tut sich auf, soweit es die Kette und das Misstrauen zulassen. «Frau Häfeli, ich möchte Ihnen gerne in die Augen schauen!», sagt Bruhin. «Wir brauchen nichts!» Dennoch schiebt er einen Prospekt durch den Schlitz, denn es sei wichtig, etwas zu hinterlassen. «Alles im Leben muss reifen», glaubt er, «dieser Zettel wird den Prozess beschleunigen.» Der grösste Frust des Vertreters ist, blutt vor der verschlossenen Tür zu stehen.

Der erste Block blockt, der Staubsaugervertreter stösst auf Ablehnung. «Es gibt Ecken, da hat man einfach Mühe», meint Bruhin unbeeindruckt. Im Treppenhaus hängt ein Anschlag: «Vorsicht Einbrecher! Wohnungseinbrüche häufen sich, auch Ihr Eigentum ist gefährdet. Beobachten Sie die allfällige Fluchtrichtung.» Auch Vertreter müssen sich mit einem schlechten Ruf abfinden. «Der Direktverkäufer gehört für viele in die unterste Schublade», weiss auch Bruhin. Doch das kümmert ihn wenig, denn er trägt dazu nichts bei. Einen Fuss im Türspalt stehen zu lassen, das kommt mir gar nicht in den Sinn», beteuert er, «nur wenn ich anständig weggehe, bleibt die Türe jederzeit offen für mich.»

Allerdings: Bruhin kennt die rüden Methoden von früher, die das negative Image begründet haben, das man einfach nicht mehr los wird. Er selbst hat den berüchtigten «Kolonnenverkauf» miterlebt. Man traf sich morgens im Café, stieg in einen Ami-Schliten (Plymouth) und donnerte in eine beliebige Schweizer Stadt. Dort wurde sternförmig in die Quartiere ausgeschwärmt. «Das war ein spezieller Schlag von Leuten», erinnert sich Bruhin, «damals setzten wir die Leute noch unter Druck!»

Als junger Vertreter brachte Bruhin ein neuartiges Schamponiersystem ins traute Heim. Mit dem schäumenden Apparat kurvte er in frechem Bogen um die staunende Hausfrau herum, die wie angewurzelt und mit offnem Mund an der Tür stehen blieb. «Kommen Sie doch einfach herein!» lautete dann die freundliche Einladung des Vertreters. Die Rollen waren vertauscht, der Gast war Herr im Haus. Heute ist alles anders. An erster Stelle steht der Kundenservice, jeder Vertreter betreut sein persönliches Gebiet. Die Taktik der verbrannten Erde ist der Taktik des ewig gepflegten Teppichs gewichen.

«Bitte keine Vertreterbesuche» – von diesem Schild lässt sich ein alter Hase nach wie vor nicht abschrecken. «Das sind gerade die Interessantesten», lächelt Bruhin souverän. Er läutet kurz und kräftig, guckt dem Spion erwartungsfroh ins kalte Auge. «Ich habe nichts zu verbergen», redet er sich ein. Aber auch keine Zeit zu verlieren, um an der Türe das nötige Vertrauen aufzubauen, denn «innerhalb von zehn bis fünfzehn Sekunden muss eine gewisse Sympathie entstehen».

«Lache, und die Welt lacht mit, weine und Du weinst allein.» Diesen Spruch hat sich Bruhin an die Bürowand genagelt. Gespenster könne man überall sehen: Der Schatten, der hinter dem Vorhang verschwindet; die Hausbewohnerin, die hastig um die nächste Ecke biegt. «Nur der schlechte Verkäufer kaut noch lange am negativen Erlebnis herum», ergänzt er, «wer alles persönlich nimmt, geht in diesem Beruf kaputt.» Im Bundesordner steht sein Credo: «Ich will positiv denken, perfekt werben, mehr leisten, Freude pflanzen.»

So steht der Berufsoptimist an der nächsten Türe, mit eingezogenem Bauch, das hohle Kreuz durchgedrückt. «Schmutz gibt es bekanntlich überall, auch bei Ihnen», schiesst er los und deutet auf einen Fleck hinten in der Wohnung. Kurze Zeit später: Die Hausfrau (30) und ihre drei Kinder schauen zu, wie ein fremder Mann den Teppich saugt und anschliessend – wie ein Zauberkünstler – im dunklen Tuch den gesammelten Dreck präsentiert. «Pfui Teufel!», stöhnt die Frau, und es ist ihr peinlich, «ich habe immer geglaubt, bei mir sei es sauber!»

Der hilfsbereite Fachmann, der mit dem Staubsauger aufkreuzt und sich mit ordinärer Hausfrauenarbeit abgibt, hat Heimvorteil. Die betroffene Frau möchte einen allfälligen Kauf überschlafen. Bruhin selbst kann ruhig schlafen: Während gute Verkäufer «nur» jedes dritte Mal reüssieren, liegt die Erfolgsquote bei einem Topverkäufer seines Kalibers bei 2:1 – bei jeder zweiten Vorführung setzt er einen Staubsauger oder ein Reinigungsgerät ab.

Bruhin, aus ärmlichen Verhältnissen stammend, hat es geschafft. Er ist er das jüngste von sieben Kindern einer Schwyzer Bauernfamilie, ein Nachzügler mit neun Jahren Rückstand. «Ich musste immer unten durch, damit niemand behaupten konnte, ich sei ein verwöhntes Kind.» Im Knabenalter stieg er oft nachts aus den warmen Federn, um sich draussen eiskalt abzuduschen. Nicht Sauberkeit war der Zweck, es sollte seinen Willen stählen. Bruhin wünschte sich festen Boden unter den Füssen, lernte den Beruf des Gärtners. Doch an Wochenenden besichtigte er teure Villen auf Hügeln. Luftschlösser. Mit 21 Jahren, er war bereits Ehemann und Familienvater, imponierte ihm der Nachbar, der stets geschniegelt und mit Krawatte spätmorgens mit dem Mercedes wegfuhr. Ein Vertreter. Im November vor 26 Jahren wechselte Bruhin in den Aussendienst, verkaufte Selbstglanzwachs für Holzböden und polierte demonstrativ fremde Türschwellen. Die Luftschlösser platzten zwar wie Seifenblasen. Doch der Traum vom Eigenheim verwirklichte er sich mit 28 Jahren. «Alles ist machbar, doch der Weg ist mit harter Arbeit gepflastert», sagt Bruhin.

Seit elf Jahren saugt er für Tornado in fremden Wohnungen. Er leitet die Tornado-Filiale in Zürich, und seine Sekretärin ist auch seine Frau. Das Hobby der beiden ist die schön eingerichtete, gepflegte Wohnung. Aufgabenteilung im Haushalt ist selbstverständlich: Er saugt und blocht die Böden, sie kocht und wäscht schmutzige Wäsche. Eine weisse Weste gehört zum täglichen Bedarf eines Staubsaugervertreters. Das Hemd ist so blütenrein, dass das weisse Leibchen durchschimmert. Ein weisser Gürtel säumt die graue Hose, in weissen Schuhen stecken weisse Tennissocken. Zur Zierde gereichen eine Golduhr und der Ehering. Bruhin achtet darauf, dass er immer etwas besser angezogen ist als der Kunde. Jeden Morgen schaut er in den Spiegel und sagt: «Isch guet, chasch gah!»

Jetzt schaut er an der Tür einer Frau mit feuchten, geröteten Augen ins Gesicht. «Da will ich nicht lange stürmen», denkt er sich, «die hört mir sowieso nicht zu.» Ein Vertreter darf sich nicht von schlechter Laune und fremden Sorgen anstecken lassen. Auf persönliche Gespräche lässt sich Bruhin nur ein, wenn sie dem Geschäft dienen. «Ich habe keine Probleme, warum soll ich mir welche aufbürden?» Seine Aufgabe, so meint er, sei es, die Leute zu informieren. «Ich verkaufe etwas Positives, alle Menschen wollen Sauberkeit. Ich kann den Menschen helfen, indem ich sie auf ein Problem aufmerksam mache, das sie gar noch nicht erkannt haben. Und ich kann sofort eine Lösung anbieten.»

«Nummer eins in der Materie ist der Mensch, der Mensch, der Mensch», hat der Wirbelwind herausgefunden, nachdem er mit unermüdlicher Saugkraft Abertausende von Haushaltungen heimgesucht hat. Er sei stolz, so gut mit Menschen umgehen zu können. «Ich habe mir eine grosse Portion Lebenserfahrung erarbeitet.» Seine wichtigste Erkenntnis ist, dass die Menschen überall auf der Welt nach dem gleichen Muster funktionieren. «Am Ende geht es für mich immer wieder auf.» Wenn er bei Freunden zu Besuch ist, kann es vorkommen, dass er um Mitternacht für eine Vorführung den Tornado-Koffer aus dem Auto holt. Am Stammtisch nennen sie ihn schlicht «Dr. Tornado» – nur wenige kennen seinen richtigen Namen.

Die nächste Tür verheisst langjährige Kundschaft. Es klingelt bei Schumachers. «Tornado, ich komme nur zum Grüezisagen», gibt er an, «kurz vorbeischauen, wie es um die Saugtechnik steht!» Sohn René (42) hält die Klinke in Hand, «Mutter ist gerade auf dem Örtchen», informiert er, während seine Schwester Ursula zur Runde stösst. Sohn René holt vorsorglich den Sauger aus dem Putzkasten, einen TO V2, vor sechs Jahren an der Haustür gepostet. Mutter spült und tritt auf. «Hoppla, Dr. Tornado isch unterwägs!», entfährt es der 68-Jährigen. Ein abgebrochenes Teilchen ist zu ersetzen, Bruhin zerlegt den Sauger. Anstelle des cremefarbigen wird ein grünliches montiert. «Wir gehen mit der Zeit», witzelt Bruhin moderat. Ein Gummi ist lahm und muss ersetzt werden – «wie ein Keilriemen beim Auto». Ansonsten sehe der Apparat gar nicht so schlimm aus. Hat ja auch 875 Franken gekostet.

An einem schwülen Tag wie dem heutigen wischt sich Bruhin mit einem weissen Tuch den Schweiss von der Stirn. «Dürfte ich rasch die Hände waschen», sagt der Saubermann vom Dienst, und die Mutter fragt: «Was bin ich schuldig für die Reparatur?» – «Gar nichts», winkt er ab, «ich will Ihnen nichts verkaufen, aber unser neues Wundermaschineli muss ich Ihnen unbedingt vorführen!» Mutter, Tochter und Sohn stellen sich im Halbkreis um den Testteppich. Bruhin legt los, die Show beginnt. «Das Modell, das Sie benützen, haben wir für Sie weiterentwickelt! Hier vorne gehen wir mit dem Schmutz hinein, durch den Ansaugstutzen am Motor vorbei und direkt in die Schmutzkassette.» Der TO-120 ist leichter, saugt leiser, braucht weniger Strom und hat einen Spezialfilter für Allergiker und Asthmatiker. «Die Abluft ist sauberer als die Zimmerluft.»

Bruhin öffnet ein Geheimfach und zaubert einen Schulterriemen hervor. Da steht er nun und demonstriert die unerträgliche Leichtigkeit des Saugens. «Aber», wirft die Mutter ein, als er das Teleskop-Saugrohr ausfährt und lässig die Zimmerdecke absaugt, «ich han doch gar kä Gäld für dä...» – «Und wie tüür?», unterbricht da der Sohn. «960», kritzelt Bruhin auf einen Zettel, «oder nur 360 und den Rest in Raten zu 100 oder 50. Der Mutter kommen Erinnerungen, wie sie vor vielen Jahren Fünfräppler sammelte, um sich ein Kinderbett für René leisten zu können. Bruhin: «Wenn sie heute Nacht nicht schlafen können, rufen Sie mich ungeniert zu Hause an!» Zum Bestellen.

Jetzt möchte der beharrliche Vertreter noch einen Teppich reinigen, «am liebsten den handgeknüpften, damit man wieder einmal sieht, wie schön der eigentlich ist!» Bruhin lässt 120 Gramm vakuumverpackten Schnee fallen, Feuchtigkeit auf Alkoholbasis. Zurück bleibt ein pulverförmiges Mittel, das den Schmutz bindet. Früher hat man den Teppich in den Schnee gelegt und ausgeklopft, jetzt liefert Bruhin die weisse Pracht selbst im Hochsommer ins Haus. «Mit der Reinigungsmaschine massieren wir den Schnee in den Flor hinein. Die elektrisch überwachte Doppel-V-förmige Teppichbürste erzeugt eine Vibration, der Teppich wird phantastisch schön und riecht angenehm frisch», erläutert der Vertreter. «Da staunt der Laie!» meint der Sohn, und kaut an einem Zündholz, «das reizt uns schon.»

Kostet aber 556 mit allem Drum und Dran. Sagt der Sohn, ohne lange zu überlegen: «Wir machen das auf Muttis Geburtstag. Wir kaufen!» Auf dem Kaufvertrag mit Kohlepapier macht Bruhin ein Kreuzchen: «Hier bitte die Unterschrift.» Sieben Tage Rücktrittsrecht und 3 Prozent Skonto bei Bezahlung innert 30 Tagen. Der Sohn: «Das macht schon ziemlich etwas aus auf einen solchen Betrag!»

Der Sohn wird gesprächiger und beginnt vom Herzinfarkt und seiner kürzlichen Lungenembolie zu plaudern. Dabei zündet er sich eine Zigarette an. «Das spielt doch keine Rolle», sagt er, «jeder muss einmal sterben, ich habe keine Angst.» Mutter verrät, dass Sohn René schon immer etwas kränklich war. «Damit muss man fertig werden», sagt Bruhin im Aufstehen, «es geht halt nicht immer alles so im Leben, wie man will.» Ob es etwas ausmache, wenn er den Teppich so zurücklasse? Noch eine halbe Stunde einwirken lassen, dann absaugen. Das sei ein leichter Kunde gewesen, strahlt Bruhin im Treppenhaus, «da kann ich meine Batterien wieder aufladen.»

Dieser Artikel erschien am 25. Februar 1993 in der «Weltwoche»