My Way

Von Roy Spring

«Und was möchtest denn du einmal werden», fragte die Lehrerin am allerersten Schultag. «Journalist», antwortete ich wie aus der Pistole geschossen. Seither stellt sich die Frage: Kann man einem aufgeweckten 7-Jährigen vorwerfen, noch nicht zu wissen, dass er in Wirklichkeit Werbetexter werden will?

Das Schicksal nahm seinen Lauf. Während der gesamten Schulzeit hatten meine kreativen Ansätze einen schweren Stand, besonders in der Mathematik. Nicht honoriert wurde zum Beispiel der Aufsatz zum Thema «Was ist Mut?» – Ich hatte das Blatt mit drei Worten abgegeben: «Das ist Mut.»

Nach der Schule war alles wieder offen. Vielleicht konnte ich ja nach einer Lehre als Schriftsetzer doch noch Werbetexter werden. Immerhin hatten das auch Sepp Trütsch, Kurt Felix, Frank A. Meyer und Markus Ruf versucht – bekanntlich mit unterschiedlichem Erfolg. Doch im gleichen Lehrjahr war auch der Sohn des berühmten Luzerner Blick-Korrespondenten Josef Ritler. Jean-Pierre Ritler wollte unbedingt Journalist werden und zu den 20 Absolventen der Ringier-Journalistenschule gehören. Zu seinem Glück gelang ihm das nicht, und heute lebt er zufrieden in der Toskana, nachdem er als Verlagsleiter der Annabelle und Manager in Vietnam genügend Geld verdient hat.

Ich aber wurde von Ringier-Schulleiter Franz C. Widmer am ersten Tag auf der Römerhalde in Zofingen gefragt, warum ich denn unbedingt Journalist werden wolle. «Wenn ich das wüsste, dann wäre ich nicht hier», antwortete ich. In den nächsten anderthalb Jahren fand ich heraus, dass mir der nötige Ernst fehlte, um jeden Tag bei Kaffee und Gipfeli die Weltlage zu analysieren.

Alle weiteren Zweifel erstickte Schriftsteller und Dozent Peter Bichsel mit seinem Referat an der Diplomfeier. «Wie eigentlich entsteht der Wunsch, Airhostess zu werden – aus was für Gründen wollen Sie Journalist werden?», philosophierte er. «Sie können sich um diese Frage nicht drücken, denn auf dem Weg in diese Schule haben Sie 700 andere hinter sich gelassen, die ebenso wie Sie auch den Wunsch hatten, Journalisten zu werden.» Da wusste ich: Aus moralischen Gründen kann ich jetzt unmöglich in die Werbung wechseln.

Am Ende landeten alle, wo sie hingehörten: Ueli Schmezer beim Kassensturz, Marius Hagger beim Blick, Julia Glauser bei der Depeschenagentur, Daniel Blickenstorfer bei 10 vor 10, Heidi Ungerer bei DRS 1, Martin Suter bei der Sonntags-Zeitung, Catherine Duttweiler bei Facts, Hans Schneeberger bei Cash... Nur Jolanda Egger, Ex-Playmate des Jahres, bremste alle aus: Nach ihrer ersten Homestory für die Glückspost heiratete sie den Autorennfahrer Marc Surer.

Die Würfel waren gefallen, und sie waren nicht aus Marmor. Wenn schon mit Journalismus Geld verdienen, dann wenigstens anständig, sagte ich mir. Also schrieb ich für die Weltwoche über den Flughafen Bern-Belpmoos, über eine Radarkontrolle auf der Autobahn und über das KKW Mühleberg, in welches ich mich nach dem Vorbild von Günther Wallraff als Putzmann eingeschlichen hatte. Nebenbei testete ich für den Nebelspalter einen Rolls-Royce Silver Spirit («für 203000 Franken im Fachhandel erhältlich»), reiste für das Gelbe Heft eine Woche lang ohne Geld durch die Schweiz – und als mir gerade nichts mehr einfiel, fiel prompt die Mauer in Deutschland.

Auf dem Höhepunkt soll man wechseln, dachte ich. Ich ging also zu Christian Jacquet in Bern und empfahl mich als Werbetexter. «Einer, der für Die Zeit schreibt, ist für die Werbung überqualifiziert», schmetterte er mich ab. Was blieb mir anderes übrig, als in der Weltwoche ein Chiffre-Inserat in der Rubrik «Stellengesuche» zu schalten, in dem ich mich als Redakteur bewarb? «Ich habe so gelacht, die anderen Weltwoche-Leute auch, und mindestens fünf Mal ist mir Ihr Inserat auf den Tisch gelegt worden», schrieb Ressortleiterin Margrit Sprecher.

River-Raften in Costa Rica, Raketenstart in Französisch-Guayana, Elchtest in Stockholm, Winterolympiade in Nagano – der Journalismus hat zweifellos auch seine angenehmen Seiten. Doch als sich nach der Biografie über Roger Schawinski herausstellte, dass in der Werbung unterdessen auch «Überqualifizierte» eine Chance haben, korrigierte ich meine Aussage vom ersten Schultag.

Dieser Artikel erschien im Oktober 2002 in «Persönlich»