Dramatisierung des ganz normalen Wahnsinns

Von Roy Spring

 

Am Anfang war die Idee. Nein, stopp, vorher war noch das Briefing. Dort war zu erfahren, dass Surprise Menschen in schwierigen Lebensumständen hilft, sich wieder in Gesellschaft und Arbeitswelt einzugliedern. Dass von der Fürsorge Lebende, Ausgesteuerte, Suchtkranke und Betagte beim Strassenverkauf die Hälfte für sich behalten können und so zu einem eigenen Einkommen kommen. Dass der Verein Surprise seinen Gewinn in Weiterbildung und neue Arbeitsplätze investiert. Und dass Surprise 1997 aus einer Arbeitslosenzeitung hervorgegangen ist und seither in Basel, Bern und Zürich rund 1,8 Millionen Magazine abgesetzt hat. Zielpublikum alle, Termin sofort. Alles klar?

 

Was für eine Vorlage fürs Krea-Team, bestehend aus Art Director Simon Staub und dem hier schreibenden Texter.Die Surprise-Mitarbeiter stehen also auf ihren eigenen Beinen. Sie sind quasi Unternehmer. Und vor allem sind sie ihre eigenen Chefs. Karrieristen! Das führte zur Idee: Wir fotografieren authentische Leute von der Strasse,und zwar businesslike gestylt wie Topmanager.In den teuersten Anzügen, in den edelsten Chefbüros und in selbstbewusster Chefpose. Ein Wunschfotograf war schnell gefunden: Kein Geringerer als Alberto Venzago sollte es sein,der international renommierte Fotojournalist. Kaum am Handy,hatte dieser schon zugesagt. Was sollte jetzt noch passieren?

 

Doch das wirkliche Piece de Resistance stand erst bevor. Denn ungleich schwieriger war es, Darsteller für das Shooting zu finden. Schnell zeigte sich, dass man nicht einfach bei einer Modelagentur anrufen und nach der Setcard von ein paar möglichst heruntergekommenen Typen von der Gasse nachfragen kann. Es blieb keine andere Möglichkeit, als selber an die Orte auszuschwärmen, wo Obdachlose und Penner verkehren: Notschlafstellen, Suppenküchen, Drogenstationen usw. Die Frage war: Wie überzeugt man von der Gesellschaft ausgegrenzte Menschen von einer tollen Werbeidee?

 

Bevorzugte Ansprechpersonen waren Charakterköpfe,denen das Leben auf der Strasse anzusehen war. Die Reaktionen waren kontrovers. Da waren die Abgelöschten,die prinzipiell alles «einen Scheiss» finden. Andere fragten sofort nach dem Honorar. Oder sie liessen sich das Projekt ausführlichst erklären – und schlichen sich dann davon. «Du sorry, ich muss weiter.» Wieder andere reagierten
aggressiv. «Was wollt ihr? Haut ab!» Erschwert wurde die Situation durch die Layouts, die man ihnen unter die Nase hielt. «Seid Ihr Bullen oder was?»


Trotzdem fanden sich Leute, die nach langem Hin und Her zusagten. Nächstes Learning war, dass nur höchstens jeder Zweite auch wirklich zum vereinbarten Termin erschien. Einer liess ausrichten, er habe eine Autopanne, worauf sich herausstellte, dass er gar kein Auto hat. Und auch die Zuverlässigen hatten
nicht selten eine Überraschung parat. So erschien einer von ihnen frisch rasiert und gekämmt zum Shooting – zwar gut gemeint, aber leider nicht ganz «on strategy».

 

Das Verblüffendste war aber immer der erste Eindruck nach dem Fitting. Während die Fotomodelle in ihren eigenen Klamotten heruntergekommen, ungesund und bemitleidenswert wirkten, waren sie auf einmal nicht mehr wiederzuerkennen. Der feine Anzug verlieh ihnen etwas Filmstarhaftes, die Körperhaltung wurde plötzlich aufrechter, und sogar ihre Art zu reden änderte sich. Kleider machen eben Leute.


So geriet das Shooting für Stylistin Marlise Isler und später für Bildbearbeiter Markus Graf zur Gratwanderung. In den Gesichtern musste man ja das harte Leben auf der Strassen erkennen. Aber auf keinen Fall durften die Porträtierten «abgefuckt» oder «gebrochen» wirken, sondern immer stolz und selbstbewusst. «Ihr müsst euch fühlen wie Napoleon nach gewonnener Schlacht», motivierte sie AD Simon Staub. Andererseits durfte man sieaber nicht für echte Chefs halten. Jedes Detail war entscheidend:Wie fettig dürfen die Haare sein? Wie stark unterlaufen die Augen? Wie kaputt die Zähne?

 

Ein Beispiel,wie wenig auch in Realität darüber entscheidet, ob man im bequemen Bürosessel sitzt oder auf der Strasse steht, war Thomas. Noch vor zwei Jahren war er beruflich voll integriert und in seiner Freizeit ein begeisterter Marathonläufer.Doch nach persönlichen Problemen verlor er den Halt und fiel in ein Loch.Auch Surprise-Verkäuferin Marlies, von Venzago im altehrwürdig-rustikalen Ambiente des ehemaligen Rathauses in Rapperswil abgelichtet, verlor nach einer abgeschlossenen Banklehre den Anschluss an dieGesellschaft. «Früher hatte ich viel Geld, doch dann ging alles den Bach runter», sagte sie.

 

Einen nachhaltigen Eindruck hinterliess Ruedi mit seiner wilden Mähne.Schon an der Reception der Location, dem stylishen UBS-Konferenzgebäudes Grünenhof, blieb den Angestellten vor Staunen der Mund offen. Doch mit seiner Rolle als Aussenseiter kommt er bestens zurecht. «Anzug und Krawatte kenne ich von früher», sagte er, «aber heute bin ich zufriedener mit meinem Leben.» Sogar ein Handy hatte er dabei, um Gelegenheitsjobs und Termine zu koordinieren. Als Manager in eigener Sache ist Ruedi erfolgreich – mit der Besonderheit, dass man in seiner Anwesenheit von Zeit zu Zeit die Fenster öffnen sollte.

 

Auf dem steinigen Weg zurück in die Gesellschaft befindet sich Bruno. «Meine Zähne sind leider gerade in der Reparatur», entschuldigte er sich. Trotzdem wurde er beim Shooting in der Lounge eines In-Lokals in Zürich-West wie der Direktor eines multinationalen Konzerns ins Licht gerückt. Immerhin konnte Bruno den Anzug behalten, den Fotograf Venzago geopfert hatte. Offen bleibt jedoch, ob er das edle Tuch wirklich für seine zukünftige Karriere aufbehält – oder ob er ihn bei nächster Gelegenheit auf der Strasse für ein paar Franken für einen anderen Stoff verschachert.

 

Dieser Artikel erschien im Februar 2006 in der Zeitschrift «Persönlich»