«Martina very good tennis»

Martina Hingis und die Medien. Eine Reise nach Košice, an den Geburtsort des grössten Schweizer Tenniswunders aller Zeiten.

Von Roy Spring

Über den Wolken ist die Freiheit nicht grenzenlos. 5500 Meter über der Tatra knien Fotografen auf Sesseln, turnt das Schweizer Fernsehen im engen Gang herum. Und alle richten ihre Kamera auf eine Sechzehnjährige in verwaschenen Jeans, die kaugummikauend in einem Pferdemagazin blätternd nach Košice fliegt, an den Ort ihrer Geburt, den sie seit 13 Jahren nicht mehr gesehen hat.

Doch das TV-Team hat nicht mit dem Lockenkopf gerechnet, der in der Reihe davor über die Sitzlehne ragt. «Fragen Sie an der offiziellen Pressekonferenz», schnauzt Mutter Melanie ohne einen Blick zurück, «damit ist die Sache erledigt.» Dann liest sie weiter im Roman «Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins».

Unter dem Flügel steigt Rauch auf. Ein thermisches Kraftwerk. Dann erscheinen die ersten Satellitensiedlungen von Košice. Die Journalisten ahnen nichts Gutes. Und verpassen nach der Landung beinahe den Mann, der Martina nach der Pasova Kontrolá schüchtern einen Blumenstrauss überreicht: ihren Vater Karol.

Die düstere Vorahnungen der Journalisten bestätigen sich auf dem Weg ins Hotel: verwitterte Fassaden, Schlaglöcher. «Trübbach gefällt mir besser», sagt der Mann vom Schweizer Radio. Vor dem Hotel werden ein bettelndes Kind und ein streunender Hund gesichtet. Der «Sport» hat Kopfschmerzen und Atemprobleme wegen der verdreckten Luft. Bereits macht das Wort von «Kotzice» die Runde. Endlich wissen die Journalisten, warum Martina so gut Tennis spielt: um von hier wegzukommen.

Überhaupt – was bedeutet schon der Geburtsort. Doch leider ist die Trübbacherin kein Produkt aus der Retorte und Mutter Melanie nicht wie die Jungfrau zum Kind gekommen. Das Schweizer Tenniswunder hat einen männlichen Erzeuger: Er heisst Karol Hingis, der 46-Jährige ist Platzwart einer Tennisanlage und seit 1986 von Melanie Molitor geschieden. 250 Franken verdiene er im Monat, und obwohl er von Martinas Millionen nie auch nur einen Franken gesehen hat, liebe er seine Tochter, hiess es in der Schweizer Presse. Immer stehe für sie ein Sofa in seiner bescheidenen Wohnung bereit.

Solches war nicht nach Mutter Melanies Geschmack. Vorbei war es nun mit den Exklusivinterviews für die Reporter des Zürcher Tages-Anzeiger-Verlags. Weil aber Martina-News für jede Zeitung überlebenswichtig sind, musste vor wenigen Tagen der Chefredaktor persönlich im Zürcher «Dolder» antraben, um Mutter Melanie wieder gnädig zu stimmen.

Der Kniefall lohnte sich. Auch der «Tagi»-Reporter durfte dabeisein, als es sich zwei Tage vor dem Abflug eine Handvoll ausgesuchter Journalisten in der Stube in Trübbach bequem machte. «Ich fühle mich als Schweizerin, die Schweiz ist meine Heimat», versicherte Martina, und Melanie diktierte: «ich bin Tschechin, weil ich dort aufwuchs, aber Martina ist Schweizerin.» Kein Zweifel, etwaige slowakische Ansprüche auf Martina hätten keine Chance.

Trotzdem: Einen ungelegeneren Zeitpunkt für die Rückkehr an den Geburtsort der berühmtesten Schweizerin gibt es nicht. Ausgerechnet jetzt, wo feststeht, dass Martina Hingis am 31. März zur neuen Nummer eins der Weltrangliste aufsteigt, wird die Welt daran erinnert, dass das Qualitätsprodukt nicht zu hundert Prozent Swiss made ist, sondern dass es sich eigentlich um ein ausländisches Erzeugnis handelt. Und: Wie verhalten sich die Slowaken zu diesem schweizerischen, wenn auch nicht Raubgold, so doch Talentraub?

Die Situation erfordert Ausserordentliches. Zum ersten Mal in ihrer Karriere wird Martina in Košice von einem Leibwächter begleitet. «Wir wissen nicht, was auf uns zukommt», sagt Simon Biesuz von der Securitas, dem acht ehemalige slowakische Staatsbeamte zur Seite stehen. «Ein Bodyguard, der einst in Deutschland bei der GSG 9 gearbeitet hab, kabelt der «Blick» aufgeregt in die Schweiz. Das stimmt zwar nicht, wirkt aber beruhigend.

Für seinen ersten Bericht aus Košice greift auch der Mann von der «Neuen Zürcher Zeitung» tiefer als sonst in die Tasten seines Laptops: «Der lange Winter hat überall seine braunen Spuren hinterlassen. Eine dunkle Schicht überzieht die Hauswände von Košice, die Strassenbahn und die Verkehrsschilder. Am Stadtrand reiht sich, ähnlich wie in einem Schrebergarten, Wellblechhütte an Wellblechhütte.» Gemeint ist nicht etwa ein Slum, sondern der Trödelmarkt, den man durch das Fenster des verqualmten Pressezimmers sieht. Und mit einem Nebensatz («Hingis, die derzeit ein paar zusätzliche Pfunde unter den langen Trainingshosen versteckt...») kontrastiert er die erbärmlichen Zustände in Košice. Merke: In der Schweiz hat das Mädchen wenigstens genügend zu essen!

Allen Frust schreibt sich der «Sport» von der Seele. «Diese trübe ostslowakische Industriestadt (...) wäre bestimmt keinen Besuch wert – wenn da nicht der Besuch der jungen Dame wäre.» – «Es ist nur einfach dieses Graue, ja oft Schmutzige, dieses unfreundlich Düstere, das vorherrscht.» Und weiter im Text: «Der eiserne Vorhang wurde vor einigen Jahren schon ausgezogen, lächelnde Gesichter sieht man dennoch selten. Muss die Öffnung zum Westen überhaupt ein Grund zur Freude sein?» Da hilft nur noch eines: ein Kantersieg des Schweizer Teams über das slowakische.

Nach dem Training erscheint Martina im rot-weissen Trainer zur Pressekonferenz. SCHWEIZ steht ihr auf den Rücken geschrieben, Kameras und Mikrophone werden in Stellung gebracht. Delegationsleiter René Stammbach warnt: «Keine persönlichen Fragen!» – «Was bedeutet die Rückkehr nach Košice?» Martina antwortet mit gewohnt monotoner Stimme und fast geschlossenem Mund, ihre Gesichtsmuskeln reagieren mit Verzögerung, wie bei einem schlecht synchronisierten Film. «Wir sind hier zum Tennisspielen, es ist kein touristischer Ausflug.» – Frage an die Mutter: «Darf Vater Karol Interviews geben?» Keine Antwort. – «Martina, haben Sie Lust, Ihre Grossmutter zu sehen?» Pause. Sie müsse nicht antworten, sagt Stammbach, und die Mutter will sie mit einem tödlichen Blick zum Schweigen bringen. «Tennis ist wichtiger im Moment.» Das Verhör geht weiter. «Fühlen Sie sich als Schweizerin?» Jetzt fährt die Mutter dazwischen. «Nein, sie fühlt sich wie eine Afrikanerin!» – «Hat jemand eine sportliche Frage? Nein? Die Pressekonferenz ist beendet.»

Am Abend, beim Pfeffersteak mit Pommes frites ist die Stimmung gedrückt. Wehmütig erinnert sich der «Sport»-Reporter an früher. «Ich wurde ausgelacht, als ich im Wimbledon auf einem Nebenplatz Hingis gegen eine Südkoreanerin schaute, während auf dem Center-Court Becker gegen Sampras spielte.» Doch es kam der Tag, an dem er für die ausländischen Kollegen «Trübbach» buchstabieren musste. Später Trost für damals, als er der kleinen Martina nachrennen und sie fragen musste, welches denn ihr Lieblingsteddy sei.

Klar würde ihn heute interessieren, wie das nun mit den Millionen ist. «Aber ich hätte Hemmungen zu fragen.» So bleibt Respektlosigkeit in Sachen Hingis ein Privileg ausländischer Medien. «Mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks und dem Temperament eines Piranhas» habe sie ihre Gegnerin «vernichtet», schrieb die «New York Times». Und der «Spiegel» formulierte: «Sie ist weder gammelnde Göre noch zappender Zombie, sie ist ein verplantes Kind.» Solche Stimmen werden in der Schweiz erst zu lesen sein, wenn die Siegesserie zu Ende ist.

Je später der Abend, desto kühner die Ideen. Martina solle doch diesem rührseligen Karol monatlich 1000 Franken überweisen oder ihm ein Haus hinstellen lassen. Dann würden diese Slowaken Ruhe geben, und auch der Sponsor könnte vom Sympathie- und Imagegewinn profitieren. Anschliessend ziehen die Hofberichterstatter von Bar zu Bar. Und je heiliger und unantastbarer sie das Schweizer Tenniswunder werden liessen, desto verruchter scheinen die Gespielinnen der Nacht.

Mutter Melanies Miene sorgt am nächsten Tag für ein böses Erwachen. «Ich tue nur meinen Job», entschuldigt sich Delegationsleiter Stammbach. Und der ist: Melanie will nicht, dass Martinas Vater in Košice zum Thema wird. Und wenn Melanie befiehlt, spuren alle. Klaglos schlucken sie ihre Verachtung für die Presse. Schliesslich hat sie Martina gemacht. Niemand muss ihr heute mit Forderungen kommen, weder die Presse noch der Tennisverband. Und ohne Martina müssten wir Schweizer uns mit Patty Schnyder begnügen, die Nummer 50 in der Weltrangliste.

Umso dankbarer sind die Reporter für die paar Worte, die Tochter Martina an sie richtet. «Ich bin für die Schweiz da, und das ist das Wichtigste», sagt sie einmal mehr. Eifrig schreiben sie es in den Notizblock. Und überhaupt: Košice sei komplett aus ihrem Gedächtnis gelöscht. «Tennis ist das Wichtigste für mich.» Ob sie seit ihrem Wegzug vor 13 Jahren nie mehr in Košice gewesen sei, will einer wissen. «Nein, was soll ich denn da?» Wie sie das Gestürm der Medien um ihren Vater empfinde. «Ich bin vor allem zum Tennisspielen hier.»

Kein Wunder, fühlt sich das einheimische Publikum am Wochenende in seiner Ehre verletzt und verleugnet. Vier junge Männer haben ein Transparent aufgespannt: «Bye-bye Švajčiarsko,Hi-Hi Hingisová». «Soll sie doch für immer Schweizerin bleiben», spottet der 24-jährige Pavol, «die Schweiz hat sie nötiger als wir.» Und die 21-jährige Mariá meint trotzig: «Dass sie in Košice geboren ist, kann uns niemand nehmen.»

Dann spielt sie. In der ersten Reihe sitzt einer, der immer klatscht, wenn die anderen Slowaken enttäuscht aufheulen: Vater Karol, zu Tränen gerührt. Nach dem Spiel passt er ihr beim Ausgang ab. «Wie ein Kinderschänder, der weiss, dass sie dort vorbei muss», höhnt ein Schweizer Journalist. Tatsächlich ringt er ihr zwei Küsschen ab – wenigstens ein Titelbild für den «SonntagsBlick».

Auch die Télévision Suisse Romande nimmt ihn in die Zange. Karol Hingis spricht nur Slowakisch, der tschechische Tontechniker übersetzt: Er wolle kein Interview geben, er habe Angst, seine Tochter vielleicht nie wieder sehen zu dürfen. Das reicht, die Reporterin will das Psychodrama um die Hingis-Familie zeigen: Hier der Vater, der «Natural Born Looser», da die berechnende Mutter, die jedes Gefühl erstickt, damit Martina nicht auf die Idee kommt, auf der Welt gebe es etwas Wichtigeres, als kleine gelbe Bälle unretournierbar übers Netz zu schlagen.

Auch Daniela Karabinošová, Journalistin bei der Košicer Tageszeitung «Korzo», hat Karol Hingis interviewt. «Er ist ein empfindlicher Mensch, er leidet sehr.» Die Schlagzeile zeigt, dass die Vorfreude der Košicer auf «ihre» Martina Hingis umsonst war: «Ich bin nur zufällig hier geboren.»

Karol Hingis fährt mich in seinem roten Ford Fiesta zum Hotel zurück. «Košice schöne Stadt, sagt er – und «Martina very good tennis». Mehr ist von ihm nicht mehr zu erfahren. Vielleicht ist es ja wirklich das einzige, was noch zu sagen ist.

Dieser Artikel erschien am 6. März 1997 in der «Weltwoche»