Von einem, der auszog, die chinesische Kunstwelt zu erobern

Vor 15 Jahren gründete Lorenz Helbling mit ShanghArt eine der ersten Galerien für Gegenwartskunst in China. Heute prägt er die Kunstszene im Reich der Mitte. Unterwegs mit dem 52-jährigen Schweizer, der sich in Shanghai und Peking ein Imperium aufbaute, das international immer bedeutender wird.

 

Von Roy Spring

 

Shanghai: Wer Schwärme von Velos erwartet, kommt ein paar Jahre zu spät. Und wer den 126 Meter hohen Prime Tower in Zürich für einen Wolkenkratzer hält, wäre lieber zuhause geblieben. Shanghai, das sind über zwanzig Millionen Menschen und nicht viel weniger hupende Autos.

 

Das Taxi stoppt vor den Schranken an der Moganshan Road 50. Hier, auf dem Gelände der ehemaligen Textilfabrik, befindet sich der Kunstdistrikt der Metropole – kurz M50 genannt. Zeit für einen kurzen Rundgang durch die verwinkelten Gassen des Industrieareals. Die «Outstanding Art»-Galerie hat für eine Handvoll Yuan den US-Präsidenten Obama im Angebot; Öl auf Leinwand, umringt von sanftmütigen Buddhas. Ein paar Schritte weiter begegnet man Mao, Marilyn Monroe und Mona Lisa von Sun Zeh Zheng, alle mit Schnuller im Mund. Und bei «Pacific Perspectives» hängt das Ölbild «Twilight in Venice» von Qiyi Liu; der fernöstlich angehauchte Markusplatz ist für 450 000 Yuan zu haben (etwas über 60000 Franken, inklusive Goldrahmen). Ist das alles, was chinesische Gegenwartskunst zu bieten hat?

 

«Die Hoffnung ist wie der Zucker im Tee», sagt eine chinesische Weisheit, «sie ist zwar klein, doch sie kann alles versüssen.» Und wirklich: Zuhinterst auf dem Areal kommt «ShanghArt», das Bonbon unter den Galerien von M50. Gleich beim Eingang verführt eine Fotoarbeit von Shi Yong den Blick. «You cannot clone it, but you can buy it», steht darauf. «The new image of Shanghai today», ein selbstironisches Statement, ist auf 50 Exemplare limitiert und an der Kasse für umgerechnet 2500 Franken erhältlich. In der City, die selbst ein Klon von New York oder Dubai zu sein scheint, hat der Schweizer Lorenz Helbling seine Berufung gefunden. Vor 15 Jahren gründete er 9000 Kilometer östlich von seiner Heimat, Brugg im Kanton Aargau, die erste Galerie für zeitgenössische Kunst. Heute betreut er mit Niederlassungen in Shanghai und Peking ungefähr 50 Künstler, darunter so bedeutende wie Yang Fudong, Xu Zehn oder Zhou Tiehai.

 

Briefmarken und schwere Leinwände

 

Ich warte vor dem Büchergestell, in dem sich Kunstbuch an Kunstbuch reiht. «Chinas junge, zeitgenössische Kunst schaut über den eigenen Reisschalenrand hinaus», steht in einem zufällig herausgegriffenen Katalog, «sie ist frech, provokant und greift mit ihren überdimensionalen Kunstwerken globale Themen auf.» – «Typische Klischees», wird Helbling später dazu sagen. In seiner dunkelblauen Thermo-Windjacke kommt der 52-Jährige aus seinem Büro. Randlose Brille, Dreitagebart, strähnige Haare – nein, Lorenz Helbling sieht nicht aus wie man sich jemanden vorstellt, der in der höchsten Liga der Kunstszene mitmischt. «Beim Zoll nehmen sie mich regelmässig heraus», sagt er lächelnd.

 

1985, im Alter von 26 Jahren, verschlug es ihn zum ersten Mal nach Shanghai. Er hatte in Zürich Kunstgeschichte und Sinologie studiert und konnte nun als einer der Ersten aus dem Westen an der Fudan-Universität die Fächer Film und Geschichte belegen. 1989 schloss er ab – ausgerechnet zur Zeit des Tian’anmen-Massakers. «Nicht gerade ideal, um sich etwas aufzubauen», sagt er und nippt an seiner Kaffeetasse. Viele seiner Kollegen seien auf einer Bank oder bei einer multinationalen Firma gelandet, so Helbling, «doch für mich war die Aussicht, gut zu verdienen und abends um fünf Uhr zuhause zu sein, keine Motivation.» So jobbte er zunächst bei einer Computerfirma. Endlich, 1992, erhielt er die Chance, für eine amerikanische Galerie in Hongkong zu arbeiten. «Dort lernte ich die praktischen Seiten der Kunst kennen», sagt Helbling. Will sagen: «Briefmarken aufkleben und Leinwände herumschleppen.»

 

Dafür kam der 33-jährige Kunstschaffende hin und wieder mit chinesischen Künstlern in Kontakt. «Ausserhalb von China kannte kein Mensch ihre Arbeiten», erinnert er sich. Die grosse Ausnahme war Chen Yifei, der neben heroischen Mao-Porträts mit seiner Detailversessenheit auch erotische Frauen malte, und dessen Werke an internationalen Auktionen schon damals über eine Million Hongkong-Dollar erzielten. «Die meisten Kunden fanden aber schon 2000 Hongkong-Dollar für ein chinesisches Bild völlig überrissen», sagt Helbling, «und am Abend gingen sie für 4000 Hongkong-Dollar zum Langusten-Essen.»

 

Ein Jahr später schaffte er es endlich nach Shanghai: Für eine Hong-Konger Handelsfirma konnte er dort eine Niederlassung aufbauen. Nebenbei suchte er Kontakt zu jungen Künstlern. «Man traf sich in Avantgarde-Zirkeln», erzählt Helbling, «es wurde viel geraucht, man wollte anders leben, anders denken und anders malen, als es die alten Lehrer gepredigt hatten.» Shanghai, das sei eine Stadt im Aufbruch gewesen. «Niemand wollte wissen, woher du kommst und wer du bist, niemand interessierte sich für das Gestern oder wollte wissen, was morgen sein wird.»

 

Nur eines schien in der Stadt der unendlichen Möglichkeiten hoffnungslos zu sein: eine eigene Galerie zu eröffnen. «Ich konnte leider nicht wie der französische Shopping-Konzern Carrefour hunderte Millionen investieren», sagt Helbling. Also fand er seinen eigenen Weg. «Die ersten zehn Bilder hängte ich bei mir zuhause auf», sagt er. So wurde Helblings Wohnung 1995 zur grössten Ausstellung für moderne Gegenwartskunst in ganz Shanghai. Zwischen Sofa und Kleiderschrank empfing der frischgebackene Galerist seine ersten Kunden.

 

Das Handy klingelt. Auf chinesisch diskutiert Helbling mit einem Künstler über eine geplante Ausstellung in Peking. Unterdessen hat sich Zhang Enli an den Tisch gesetzt, ein weiterer von Helblings Künstlern. Heute morgen ist der 46-Jährige mit Halbglatze und Kinnbärtchen aus seinen Ferien in Vietnam zurückgekehrt. Auf seiner Leica-Digitalkamera klickt er durch die Impressionen. «Look here», sagt er und tippt auf ein Bild, das ihn zu einem Gemälde inspiriert habe. Es zeigt einen Bewässerungsschlauch in einem Stadtpark in Ho-Chi-Minh-Stadt, der sich wie eine Schlange über den Kiesweg windet. In seinem Atelier auf dem M50-Areal hat er es bereits zu malen begonnen. «Not yet finished», schmunzelt er. Um dem Gast aus der Schweiz die chinesische Kunst näherzubringen, schlägt er einen Abstecher ins Minsheng-Museum vor, wo er eine grosse Soloausstellung hat. Wir zwängen uns in seinen nagelneuen silbergrauen BMW M3, acht Zylinder, 420 PS. «Er ist halt ein Autonarr», murmelt Helbling auf dem Rücksitz. Zuhause habe er noch einen Porsche 911; der sei aber etwas unpraktisch, um Leinwände zu transportieren.

 

Der Maler, der vorletztes Jahr an der Art 41 Basel vertreten war, biegt auf die Ost-West-Umfahrung ein und drückt aufs Gaspedal. Die Skyline von Shanghai fliegt an den Scheiben vorbei. «Very much power», grinst der Kunstpilot, während er im rasanten Slalom durch den Mittagsverkehr chauffiert. Plötzlich prescht im Rückspiegel ein schwarzer Lamborghini heran. Es folgt eine filmreife Verfolgungsjagd über die mehrstöckigen Autobahnen. Wenige Minuten später stoppt Zhang Enli vor dem Portal des Museums. Als wäre nichts gewesen, schlendert er in die Halle, in der zwölf grossformatige Ölbilder von ihm hängen: eine Serie von Baumkronen, von unten betrachtet, darüber der sich weit öffnende Himmel. «Jedes Bild reflektiert einen speziellen Moment an einem ganz normalen Tag», übersetzt Helbling seinen Künstler. Was bedeutet Geld für ihn? «In den ersten Jahren gab es mir die Möglichkeit, überhaupt von der Kunst zu leben», sagt Enli. «Heute erlaubt es mir, meine Kunst so weiterzuentwickeln, wie ich es will.» In einem Nebenraum des Minsheng-Museums läuft «Der Lauf der Dinge», ein berühmtes Werk des Zürcher Duos Zürcher Fischli/Weiss. Nach einer halben Stunde verpufft der letzte Effekt; höchste Zeit für eine Pause im Museumscafé.

 

Leere Marmorwände im Luxushotel

 

Bei Sandwich und Cappuccino erzählt Helbling, wie alles anfing. 1996 ist das offizielle Gründungsjahr von ShanghArt. Nach den ersten Ausstellungen in einer 3-Zimmer-Wohnung und an weissen Wänden neu eröffneter Restaurants wurde die Galerie im Portman Shangri-La eingeweiht. Im Luxushotel, einem der wenigen in der Stadt, stiegen Politiker, Wirtschaftsführer, Filmstars und Journalisten ab, sämtliche Airlines und Konsulate waren an dieser Adresse angesiedelt. «Ich hatte einfach den Hotelmanager gefragt, ob ich die leeren Marmorwände neben dem Lift für meine Bilder verwenden dürfe», sagt Helbling. Der war prompt einverstanden, und endlich konnte Helbling seine Künstler wie Ding Yi und Zhou Tiehai öffentlich einer internationalen Klientel präsentieren.

 

Es folgten harte Jahre, in denen der junge Kunsthändler jeden Tag von 10 Uhr morgens bis 10 Uhr abends anwesend war, auch am Wochenende. Obschon die Ausstellung nicht wirklich wie eine Galerie aussah, kam Helbling mit illustren Gästen wie US-Präsident Bill Clinton, Aussenministerin Madeleine Albright oder Sänger und Kunstsammler Elton John ins Gespräch. Zuhause, nicht weit vom Hotel entfernt, unterhielt Helbling sein Lager. Hier kamen Kunstinteressierte vorbei, um weitere Bilder zu begutachten. Botschafter Uli Sigg und Kurator Harald Szeemann gehörten zu den ersten Besuchern. «Es herrschte Goldgräberstimmung», sagt Helbling, «jedes Mal, wenn wir ein Bild für 200 Dollar verkauften, feierten wir eine Party.»

 

Das Gastspiel im dauerte bis 1999, dann wurde das Portman Shangri-La an die amerikanische Riz-Carlton-Kette verkauft. Nun domizilierte ShanghArt auf 100 Quadratmetern in einem alten französischen Park. Doch rasch platzte auch der Raum im Fuxing Gongyuan aus allen Nähten. In einem Aussenbezirk am Suzhou-Fluss entdeckte Helbling vor zehn Jahren eine mehr als zehnmal grössere Lagerhalle. «Die Wände des ehemaligen Heizungsgebäudes einer riesigen Textilfabrik waren schwarz vor Russ», erinnert sich Helbling, «der nahe Fluss stank höllisch und hatte jeden Tag eine andere Farbe.» Trotzdem pilgerten immer mehr Kunstfreunde an die Moganshan Road, sogar die Königin von Belgien liess sich blicken. Das Areal, das eigentlich für Neubauten hätte abgerissen werden sollen, wurde jetzt offiziell als prestigeträchtiges Kunstviertel konzipiert.

 

Gratwanderung zwischen Kunst und Kommerz

 

Viele von Helblings Künstlern richteten im M50 ihre Ateliers ein. Einer von ihnen ist Ding Yi, der mit seinen abstrakten Bildern zu den herausragenden Künstlern Chinas zählt. Er habe gerade Zeit für einen Atelierbesuch, lässt er Betty Yang ausrichten, Helblings rechte Hand in der Galerie. Wenige Minuten später präsentiert Ding Yi im ungeheizten Raum seine aktuelle Auftragsarbeit: ein 8,2 × 2,2 Meter grosses Bild für das Entree eines neuen Hotels in Shanghai. Er habe es termingerecht vollendet – nur das gigantische Hochhaus sei noch nicht fertig. Das Werk ist typisch für den 49-jährigen Maler mit der kleinen runden Brille: Es ist mit Abertausenden von kleinen Kreuzen übersät. «Ich brauche den Pinsel in der Hand», sagt der Künstler, die repetitive Bewegung sei für ihn eine meditative Übung wie Tai Chi.

 

Schon als Student, Anfang der 1980er-Jahre, experimentierte er mit abstrakten Bildern. «Bewusst verzichtete er auf Inhalt, Bedeutung und Zentralperspektive», erklärt Helbling, «das war ein unerhörter Tabu-Bruch.» Mit seiner Serie «Appearance of Crosses» stiess Ding Yi 1988 auf völliges Unverständnis; um so gefragter ist sein Stil heute. Internationale Modelabels wie Hermès und Ermenegildo Segne, ständig auf der Suche nach einer passenden Identität für ihr China-Business, haben es auf Ding Yis vermeintlich dekorativen Stil abgesehen. Mit der Gratwanderung zwischen Kunst und Kommerz hat der Umworbene keine Probleme. Im Gegenteil: Die Zusammenarbeit mit der Luxusindustrie erachtet Ding Yi als reizvolle Herausforderung. «Wir müssen uns mit der neuen Realität auseinandersetzen und dafür kämpfen, künstlerisch und kreativ unabhängig zu bleiben», sagt er.

 

Was das Geschäftliche anbetrifft, musste auch Helbling seine Erfahrungen machen. Er erinnert sich an einen amerikanischen Hotelgast im Portman Shangri-La. Der Kunstsammler tippte scheinbar gelangweilt auf eine Zeichnung von Zhou Tiehai und bemerkte, für so etwas würde er nicht einmal einen Dollar ausgeben. Der Künstler bekam es mit, und um den Kunden zu provozieren, offerierte er sie ihm für 10 US-Dollar. Wie nicht anders zu erwarten, willigte dieser ein – zum Leidwesen von Helbling. Nach ein paar Monaten büsste der Galerist für die Leichtfertigkeit – und kaufte die Arbeit für 10000 Dollar zurück. Eine weitere Lektion lernte er mit einem Zang Fanzhi: Vor zehn Jahren hatte er das Bild für 15 000 Dollar an einen Amerikaner verkauft – 2008 wurde es für 9,7 Millionen Dollar versteigert.

 

Der Erfolg von ShanghArt begann sich nach der Jahrtausendwende abzuzeichnen. Im Jahr 2000 konnte Helbling als erster Galerist an der Art 31 in Basel chinesische Gegenwartskunst ausstellen. Im selben Jahr richtete ShanghArt im Jinmao-Tower, dem grössten Gebäude von Shanghai, anlässlich des Fortune-500-Meetings der weltweit wichtigsten Wirtschaftsführer eine Sonderausstellung aus. Zu Gast waren die Topmanager multinationaler Konzerne, die mehr als eine Milliarde Dollar ins lokale Geschäft pumpten. «Wir haben alles aufgehängt, was irgendwie möglich ist», erinnert sich Helbling.

 

Den Verlockungen des boomenden Kunstmarktes steht Helbling skeptisch gegenüber. «Dieser bringe den Künstlern nur eine kurze Aufmerksamkeit», sagt der Galerist. Er habe viele gesehen, deren Popularität rasant anstieg –, und die dann plötzlich von der Bildfläche verschwanden. Ein Künstler könne nur über längere Zeit überleben, wenn er seine Arbeit kontinuierlich weiterentwickelt.

 

«Seine Kunst ist das Einzige, was er besitzt», sagt Helbling. Was er suche, seien darum Kunden, die bereit sind, sich mit dem Werk auch inhaltlich auseinanderzusetzen. Davon abgesehen, sei nichts simpler, als die Preise zu manipulieren: «Man kann etwas in eine Auktion geben, kurz darauf zurückkaufen und erneut versteigern – und es geht nochmals höher», so Helbling. In diese Mechanismen wolle er nicht involviert sein. «Wenn ein Sammler nur am steigenden Wert interessiert ist, kommt er auf meine schwarze Liste», sagt Helbling, «dann verkaufe ich ihm prinzipiell nichts mehr.»

 

Mit Kamelen zum Kunststar

 

Einer, der sich die Absurditäten des Kunstmarktes zum Thema machte, ist der bereits erwähnte Zhou Tiehai. Am nächsten Tag ist auch er bereit, in seinem Atelier den neugierigen Besucher aus der Schweiz zu empfangen. Der 45-Jährige sitzt am Holztisch und schwenkt einen Teebeutel in der Tasse. Es war Anfang der 1990er-Jahre, als er sich vornahm, der Szene einen Spiegel vorzuhalten – und so schnell wie möglich ein berühmter Künstler zu werden. Flugs erklärte er Joe Camel, das Maskottchen der amerikanischen Zigarettenmarke, zu seinem Erkennungszeichen. Dieses applizierte er – immer mit cooler Sonnenbrille auf der Pelznase – in historischen Posen auf Porträts im altmeisterlichen Stil: als Napoleon, Herzog von Wellington oder Renaissancemaler Hans Holbein den Jüngeren. Tatsächlich rissen sich wichtige Sammler um die verrückten Kamele, die schon bald in New York, London und an der Biennale in Venedig gezeigt wurden. «Ich zweifelte keine Sekunde, dass ich damit Erfolg haben würde», sagt Zhou Tiehai, ohne sich ein verschmitztes Lächeln über dem Aufstieg vom Rebell zum gefeierten Kunststar zu verkneifen.

 

«Der westliche Blick auf die chinesische Kunstszene ist zu simpel», kritisiert der Künstler, der 1997 in seinem Kurzfilm «Will/ We Must» einen zusätzlichen Flughafen in Shanghai forderte. Nicht etwa, um Touristenströme zu bewältigen, sondern um noch mehr Kunstsammler aus der ganzen Welt anzulocken. Unter ihnen hatte sich auch der Zürcher Verleger Michael Ringier angekündigt. Im Atelier von Zhou Tiehai wollte er sich die Arbeiten des Shootingstars zeigen lassen. Der Künstler empfing seinen Gast auf eigene Weise: Er hatte in der Zwischenzeit von Ringier ein klassisches Porträt in Öl auf Leinwand angefertigt, welches er ihm, zu dessen Verblüffung, präsentierte. «Da reist einer um die halbe Welt, um Neuland zu erkunden – und findet am Ende sich selbst», philosophiert er und nimmt einen Schluck Tee.

 

Zhou Tiehai ist die Ruhe in Person. Ausser sich war er nur, als 1993 im «New York Times Magazine» ein Artikel über die neue Kunstszene Chinas erschien, in dem er mit keiner Silbe erwähnt war. Umgehend revanchierte er sich beim bekannten Kulturjournalisten Andrew Solomon – und stellte diesen in einer Collage aus Zeitungsartikeln als eroberungswütigen Christoph Columbus dar, der mit dem Ruderboot nach China paddelt. «Gewisse Leute aus dem Westen glaubten, bei uns die Kultur der Eingeborenen zu entdecken», sagt der Künstler. Auch Lorenz Helbling? «Lorenz ist längst einer von uns», sagt Zhou Tiehai.

 

Neuer Blick auf das Individuum

 

15 Jahre ShanghArt – in dieser Zeit mauserte sich das einst in einem Aussenbezirk gelegene M50-Areal zum kulturellen Anziehungspunkt in der boomenden City. Doch nicht nur die Stadt hat sich verändert, die ganze Welt ist im Umbruch. China, mit mehr als 1,3 Milliarden Menschen, etabliert sich als neue Weltmacht, und ein paar unentwegte Künstler versuchen, die rasanten Entwicklungen festzuhalten, zu kritisieren und zu kommentieren. «Die Welt ist global geworden, und China ist ein Teil von dieser Welt», holt Helbling aus. Gut, China sei schon immer ein Teil von dieser Welt gewesen, doch im Westen habe man immer geglaubt, beim Eisernen Vorhang höre die Welt auf. «Bis jetzt war das Bild von China weitgehend eine westliche Projektion», fährt er fort, doch die Vorstellung von den Chinesen als blaue Ameisen habe noch nie gestimmt. «Wenn ein Chinese durch die Zürcher Bahnhofstrasse geht, sehen für ihn die Europäer auch alle gleich aus.»

 

Was nun folgt, ist eine kurze Abhandlung des Sinologen und Kunsthistorikers. Ein halbes Jahrhundert lang sei Paris das Zentrum der Kunstwelt gewesen, abgelöst von Amerika, das viele neue Aspekte beigetragen habe, speziell, was den Kunstmarkt anbetrifft. «Erst jetzt beginnt man zu erkennen, dass im Reich der Mitte eine Kunstszene existiert», sagt Helbling, «jetzt kann die Welt nochmals grösser werden.» Dabei dürfe es aber nicht darum gehen, dass der Westen «etwas Neues zum Konsumieren» hat, sondern «um einen geistigen Prozess und um eine inhaltliche Bereicherung». Die chinesischen Künstler hätten Maoismus, Taoismus und Buddhismus im Hinterkopf. «Vielleicht können sie mit ihrem künstlerischen Schaffen dazu beitragen, den Blick auf das Individuum zu verändern», hofft Helbling, «vielleicht geht es aber auch um Verantwortung, darum, dass nicht jeder möglichst viel für sich abschneidet, sondern sich als Teil eines grösseren Zusammenhangs versteht.»

 

Seine Aufgabe als Galerist sieht Helbling darin, «den Dingen ihren Lauf zu lassen, nichts zu blockieren und immer neue Freiräume für die Kunst zu schaffen.» Neue Freiräume – das ist durchaus auch im wörtlichen Sinn gemeint. Bestes Beispiel dafür ist ShanghArt Taopu, die bisher letzte Ausbaustufe von Helblings Kunstimperium.

 

«We don’t want to stop»

 

«Früher wollte niemand hierhin fahren», sagt Helbling im Taxi auf dem Weg an den äussersten Stadtrand, «alles war voll von Müllbergen.» Doch auch hier ist ein neuer Stadtteil im Entstehen, der Metroanschluss ist bereits vorhanden. Das Taxi hält zwischen den Hallen auf dem Gelände der ehemaligen Chemiefabrik. Eine davon ist tiefrot angestrichen: Willkommen in «ShanghArt Taopu». Helbling öffnet die schwere Stahltüre, eine junge Mitarbeiterin begrüsst den Chef und setzt mit dem Schalter die Kunstwerke in der fast 100 Meter langen Halle unter Strom. Sofort beginnt sich der «Worldcoin» von Xu Zehn, eine Aluminium-Münze mit einem halben Meter Durchmesser und eingravierter Weltkugel, zu drehen, und aus 59 Lautsprechern dröhnt von Shoa Yi («Broadcast») ein Stimmengewirr vergangener Propagandareden.

 

Der Blick des Künstlers Shi Yong ist in die Zukunft gerichtet. Sein über sechs Meter langes Rennauto mit Raketenantrieb ist in schicken Tweed gehüllt, darauf sind die Worte «We don’t want to stop» gestickt. Weiter vorne ist der Boden mit 3000 Schwarzweissfotos gepflastert; es ist der Versuch von Song Tao, das Alltagsleben in der wuchernden und sich täglich wandelnden Stadt festzuhalten. In einer Box ist die Aktion «Dial 62761232» dokumentiert: Nach dem Vorbild der Pizzakuriere wurden während zehn Tagen mehr als tausend Konsumenten in ganz Shanghai mit Kunst beliefert.

 

Bekanntestes Exponat von ShanghArt Taopu ist der zehn Meter lange halbierte Dinosaurier aus präpariertem Kuhfleisch von Xu Zhen. «Eine Anspielung auf den in Formaldehyd eingelegten Tigerhai und das berühmte Schaf von Damien Hirst», erläutert Helbling, «nur einfach ein paar Dimensionen grösser». Bekannt wurde Xu Zhen 2005 mit seiner Himalaya-Expedition «8848 Minus 1,86». Dabei behauptete er, zusammen mit seinem Team die Spitze des Mount Everest abgetragen zu haben. Videoaufnahmen sollen den Anschlag auf den Gipfel beweisen, den der britische General Sir George Everest im Jahr 1856 zum höchsten der Erde erklärt hatte. Heute ist das 1,86 Meter hohe Exponat in einem Kühlschrank in der Londoner Tate Gallery zu besichtigen.

 

In einer Nebenhalle von Taopu hat Xu Zehn auf über 1000 Quadratmetern sein neues Atelier. Seit Kurzem tritt er nicht mehr mit seinem eigenen Namen auf, sondern unter «MadeIn Company». Dieses Label ist einerseits eine ironische Anspielung auf «Made in China» für billige Massenware aus Fernost; in chinesischen Ohren klingt «méi dı∙ng» aber auch wie der Ausdruck für «ohne Dach» bzw. «grenzenlos». Dreissig Künstler sind in der ehemaligen Fabrikhalle beschäftigt. Am Eingang befindet sich eine Stempeluhr. «Von 10 bis 18 Uhr ist die obligatorische Arbeitszeit», sagt eine junge Angestellte. Wer zu spät kommt, den bestraft der Boss: der Lohn wird entsprechend gekürzt. Ein Verkaufsschlager der «MadeIn Company» sind die Stoffbilder im Cartoon-Stil. Vor einer Leinwand knien zwei Frauen mit Schere und Leimtube und applizieren darauf Filz, Fell, Wolle und Pailletten. «Wir wollen Kunst einem grösseren Publikum auf der ganzen Welt zugänglich machen», sagt Xu Zehn. Im Schritt vom Künstler zum Unternehmer sieht der Künstler, der zweimal an der Biennale in Venedig vertreten war, kein Problem. «Auch Rubens und Warhol haben ihre Werke nicht selber hergestellt», sagt der 34-Jährige in der Adidas-Trainerjacke. Als Nächstes sind eine Website und ein Internet-Shop geplant.

 

Erfolg mit Schweizer Tugenden

 

Zum Schluss führt mich Helbling an den geheimsten Ort seines Universums. Der Galerist öffnet die Metalltüre mit der grossen Nummer 8. An der rohen Betonwand hängt hinter Plastikfolie ein Kamel in der Pose von Napoleon Bonaparte von Zhou Tiehai. Ein paar Treppenstufen weiter oben befindet sich das unbekannte Büro von Helbling. «Hierhin ziehe ich mich zurück, wenn ich nicht erreichbar sein will», sagt er. Mitten im Raum steht ein Schreibtisch, es hat eine kleine Küche, dazwischen eine Sitzgruppe. Beim Kaffee ergibt sich Gelegenheit zu einer Reise in die Vergangenheit.

 

In Brugg im Kanton Aargau ist Lorenz Helbling in gutbürgerlichen Verhältnissen in einem offenen Elternhaus aufgewachsen. Sein Vater, Willi Helbling, ist ein regional bekannter Kunstmaler, und in seinem Atelier am Waldrand gingen über viele Jahrzehnte so ziemlich alle Persönlichkeiten ein und aus, die in der Region Rang und Namen hatten. «Mein Vater hat nebst Landschaften, Blumen und Stilleben viel Sakralkunst und Kunst am Bau geschaffen, wovon Werke in der ganzen Deutschschweiz zeugen», sagt der Sohn stolz. «Er behauptete immer, man brauche doch nicht zu verreisen, um die Welt zu entdecken, man müsse nur durch die Haustür gehen und die Details erkennen.» Doch seine Kinder suchten allesamt das Weite: Lorenz’ jüngerer Bruder Arnold lebt als Kunstmaler in New York und malt abstrakte Bilder; sein älterer Bruder Samuel ist Medienspezialist und lebte lange in Kanada. Demnächst wird Lorenz in die Schweiz reisen und seinen über 90-jährigen Vater besuchen, der im Alters- und Pflegeheim in Brugg noch immer täglich regen Besuch empfängt. «Das alles hier hat er nicht mit eigenen Augen gesehen», sagt er und blickt durchs grosse Fenster, «mein Vater hat es nie bis nach Shanghai geschafft.» Hat er je über eine definitive Rückkehr nachgedacht? «Ich weiss nicht, ob ich mich noch mit der Schweizer Mentalität arrangieren könnte», sinniert Helbling. «Wenn ich dort in die Beiz gehe, sitzt am gleichen Tisch immer noch der gleiche Typ mit dem gleichen Bier.» An Shanghai fasziniere ihn nach wie vor die Veränderung, diese ständige Unsicherheit. Wobei ja schon erstaunlich sei, dass ausgerechnet ShanghArt nun schon seit sieben Jahren am selben Ort existiere.

 

Sind womöglich gerade die Schweizer Tugenden der Grund für seinen Erfolg? Helbling denkt nach. «Das könnte die Ironie der Geschichte sein», sagt er, «dass ich etwas mache, wo ich nie ans Ziel kommen möchte.»

 

Dieser Artikel erschien im Oktober 2011 im Kulturmagazin «DU»