Nicht einmal das Chlorophyll ist vor ihm in Sicherheit

Mann mit zwei grünen Daumen: Carlos Lang, Greenkeeper auf dem Golfplatz Erlen, ist für 22,8 Hektaren Rasenteppich verantwortlich

Sage, hast du das Gras erdacht,
Oder war es ein anderer Meister?
Ich habe nur Dies und Das gemacht,
Aber hätt ich das Gras erdacht,
Wäre ich wohl ein anderer Meister.
(Georg v. der Vring, Nachtlied)


Von Roy Spring

Manchmal verweilt er stundenlang am höchsten Punkt. Von hier aus überblickt er wie ein Feldherr die ganze Anlage. Wie ein ausgelegter Rasenteppich liegt ihm jetzt das gleichmässige Grün zu Füssen, ein riesiges Heer von Abermillionen Pflänzchen. Jedes einzelne erfüllt genau die Funktion, die ihm der Greenkeeper zugedacht hat. Ihm untersteht alles, was grün ist. Das ist ziemlich viel auf einem Golfplatz mit 22,8 Hektaren Rasenfläche.

Carlos Lang drückt aufs Pedal des weissen Elektromobils. Lautlos gleitet er am künstlichen Teich vorbei und an einer Kolonne von Bäumen. Erlen, Ulmen und Buchen stehen stramm, er hat sie letztes Jahr gesetzt: total 563 Stück. Doch zu Bäumen hat Lang ein nüchternes Verhältnis, fast wie zu den Sandbunkern. «Sie helfen den Platz optisch zu strukturieren», sagt er. Die Anlage sei jetzt wesentlich weniger gefährlich. Vorher hätten die Golfer kreuz und quer in der Gegend herumgedroschen, dass einem die Bälle nur so um die Ohren geflogen sind.

1982, als er Projektleiter in der argentinischen Pampaebene war, da hat Lang 12 000 Hektaren Wald aufgeforstet. Tag und Nacht karrten Traxkolonnen morsches Gestrüpp zusammen, im Akkord wurden neue Bäume gesetzt. Voller Idealismus kämpfte Lang um die Erhaltung der Lebensgrundlage des Menschen. Wachsende Bäume gaben ihm das Gefühl, dass es aufwärts geht. Doch als nach 7-jähriger Ehe eine Beziehung in die Brüche ging, kam er von Argentinien nach Europa zurück. «Hier ist meine Heimat», sagt der 45-Jährige.

Das Elektromobil stoppt beim Green. Lang hat einmal ausgerechnet, wie viele Halme auf der topfeben planierten Fläche rund um das Loch zusammenstehen: Es sind etwas mehr als 300 000 pro Quadratmeter. In diesem Bereich wird der Rasen täglich auf eine Höhe von präzis vier Millimetern gestutzt. Eine Walze, Groomer genannt, stellt liegende Gräser auf, bevor sie von scharfen Messern abgeschnitten werden. Nach jeder Rasur wird das Green mit dem Staubsauger gereinigt.

Auf allen Vieren kriecht Lang über das Green. Mit der Hand streichelt er über die seidenweiche Oberfläche. Dann zupft er sorgfältig ein Pflänzchen samt den Wurzeln heraus: Straussgras! Der Halm ist acht Zentimeter hoch, durch den intensiven Tiefschnitt spriessen bei ihm wesentlich mehr Blätter als beim normalen Feld- und Wiesengras. Die breiten Blätter der «agrostis capillaris» sorgen für die strapazierfähige Oberfläche und das flächendeckende Dunkelgrün. Wichtig ist, dass sich das Grün des Greens vom Grün des übrigen Golfplatzes unterscheidet. Golfer wollen nämlich ihr Ziel von weitem sehen. Manchmal helfen Greenkeeper mit kosmetischen Mitteln nach und streuen eisenhaltigen Dünger. Bei Sonneneinstrahlung verändert sich dann die Farbe des Chlorophylls.

Straussgras allein macht noch lange kein Green. Horstrotschwingel und Flechtstraussgras heissen die weiteren Sorten. Und da ist noch dieses Gras mit den mattgrünen Blättern, die der Länge nach eingerollt sind. «Ein typischer Rotschwingel», sagt Lang. Wie Borsten ragen die haarfeinen Blätter der «festuca rubra» in die Höhe. Sie sorgen dafür, dass der Golfball schnell und gleichmässig rollt. «Je tiefer der Schnitt, desto schneller läuft der Ball», sagt Lang. Mit einem Spezialgerät zum Messen der Geschwindigkeit, dem Stempmeter, versucht er die Ansprüche der Golfer so gut wie möglich mit der Natur in Einklang zu bringen.

Zu den Horrorvisionen eines Greenkeepers gehört, dass das Wasser nicht richtig versickern kann. «Der Ball säuft ab wie ein Spiegelei», fluchen dann die Golfer. Um das zu verhindern, holt Lang einmal im Monat den Mäher mit den senkrechten Messerchen aus dem Geräteschuppen; Verticutieren heisst die Methode gegen das Verfilzen des Rasens. Wichtig ist auch das regelmässige Belüften: Mit dem Aerifiziergerät werden Tausende Löcher in den Boden gestanzt. «Es ist die Aufgabe des Greenkeepers, auf den Greens für die Gräser die Lebensbedingungen zu optimieren und deren sportfunktionsgerechten Wuchs zu sichern», heisst es im neusten «Greenkeeper’s Joumal».

Green Fee, das ist die Bezeichnung für Gastspieler auf dem Golfplatz. Die fünf Japaner bei der Bahn 3 haben den Blick in die Ferne gerichtet. Eine Fahne steckt weit hinten im Loch, es hat einen Durchmesser von 10,8 Zentimetern. Sie tragen karierte Bundfaltenhosen und Poloshirts und ziehen wertvolle Wägelchen mit Golfschlägern hinter sich her. Vor lauter Grün sehen sie den Rasen nicht mehr, über den sie mit zusammengekniffenen Lippen eilen.

Lang sagt, dass er die Japaner nicht ausstehen kann. Was ihn stört, weiss er nicht genau. Es sei nur so, dass ihr Anblick ungewohnt ist und dass sie für ihn wie Eindringlinge wirken. Denn die Welt des Golfs ist eine geschlossene Gesellschaft; man erkennt sehr schnell, wer dazugehört und wer nicht.

Langs erbittertster Feind auf dem Golfplatz ist jedoch das Unkraut. Und dazu zählen neben Wegerich, Klee und Löwenzahn auch unerwünschte Gräser. Am verfluchtesten ist es bei Green 13, es ist von der heimtückischen Schwarzbeinigkeit befallen. Nur die Jährige Rispe, die «poa annoa», ist gegen diesen Pilz resistent. Entsprechend ungehemmt breitet sie sich aus, hellgrüne Flecken sind das Resultat. «So ein hundstrauriger Krüppel», flucht Lang, «der keimt unter den dreckigsten Bedingungen.» Fährt man mit der Hand darüber, fühlt es sich rau an und «irgendwie klebrig». Und wehe, wenn sie absamt, innert sieben Tagen ist der Nachwuchs da. Kaum versieht man sich, ist das ganze Green voll davon. Dann bleibt nur noch die radikale Overseeding-Methode, bei der mit einer Maschine der Boden aufgerissen, das feindliche Gras von einer rotierenden Messerwelle gründlich zerschnitten und gleichzeitig neuer Samen ausgesät wird.

Langs Stimme ist voller Verachtung, doch es schwingt auch eine gewisse Bewunderung für die zähe Rispe mit. Für einen pflichtbewussten Greenkeeper ist und bleibt ein krankes Green die grösste Schande. Den ganzen Tag über muss er sich die giftigen Sprüche der Golfer anhören. Erst vor wenigen Tagen hat sich wieder ein Golfer – nach einem verpatzten Spiel notabene – lautstark über den Rasen beschwert. Der sei ja völlig verdorrt, warum der nicht endlich bewässert werde. Solche Vorwürfe treffen den Greenkeeper tief, auch wenn er es niemals zugeben würde.

Wirklich, an gewissen Stellen ist der Rasen schon etwas gelblich. Dennoch will Lang noch ein paar Tage abwarten, bis er es aus den 194 Düsen mit der computergesteuerten Sprinkleranlage über dem Golfplatz regnen lässt. «Ich will meine Gräser zwingen, auf der Nahrungssuche tiefe Wurzeln zu schlagen, damit sie sich besser verankern», begründet er sein Vorgehen. «Einem Baby gibt man auch nicht immer den Schoppen, wenn es schreit.»

Einer, der das Gras wachsen hört, lässt sich von einem Laien mitnichten ins Konzept reden. Schliesslich ist er nicht immer nur streng zu seinem Lieblingsrasen, er hat auch Möglichkeiten, ihn einmal nach allen Regeln der Kunst zu verwöhnen. Dann taucht der Greenkeeper etwa mit einer speziellen Bürste auf. «Gönnen Sie Ihren Greens eine angenehme Massage», heisst es im Prospekt für die gesundheitsfördernde Greens Brush.

Allerdings, nicht alle Grünflächen werden so gehätschelt wie die 18 Greens. Beim Abschlag, wo die Fetzen fliegen, sind anspruchslose, robuste Gräser gefragt: Horstrotschwingel, Wiesenrispe und Englisch-Raigras ist die Rezeptur für den «schnellwüchsigen Regenerationsrasen». Und auf dem Fairway zwischen Abschlag und Green herrscht die einheimische Wiesenrispe vor. Sie wird einmal wöchentlich auf zwei Zentimeter Höhe gemäht.

Hinter einem gelben Plastikband grasen ein paar Greenkeeper im Schafspelz. «Meine freien Mitarbeiter», stellt Lang vor. Sie kommen ausschliesslich an den Hängen ausserhalb der Spielbahnen zum Einsatz – auf den sogenannten Hard Roughs. Lang ist fasziniert von ihrer schonenden Mähmethode. Um dem Gras ebenfalls möglichst wenig Schaden zuzufügen, legt Lang Wert auf gut geschärfte Messerklingen. Konsequent meidet er Sichelmäher. «Damit werden die Halme brutal abgeschlagen, nicht abgeschnitten», sagt er. «Ein sauberer Schnitt tut viel weniger weh und verheilt rascher als eine verfranste Wunde.»

Die widerstandsfähige Alpenrispe war das erste Gras im Leben von Carlos Lang, das er in seiner Einzigartigkeit wahrgenommen hatte. Damals, vor zehn Jahren, war er Landschaftsgärtner im Bündnerland, und er säte es in Scuol und Dissentis auf Fussballplätzen. «Ich war fasziniert, was man mit dem winzigen Pflänzchen alles anfangen kann», erinnert er sich. Wenn etwa im Torraum der Boden kahl und knochenhart war, verpflanzte er einfach ein Stück Fertigrasen – «ähnlich wie der Chirurg bei einer Hauttransplantation.»

Langsam erwachte in ihm die Leidenschaft. Vor dem Einschlafen, wenn andere einen Krimi lesen, studierte er Bücher über Gräser, deren Evolution vor 50 Millionen Jahren gemeinsam mit den Säugetieren begann, die aber später von Büschen und Sträuchern überwuchert wurden und erst wieder zur Geltung kamen, als sich der Mensch vom Affen entfernte und durch Rodungen dem Grasland erneut Lebensraum verschaffte. «Das Gras hat mich gereizt, Teufel nochmal, der Rasen», sagt Lang.

Es dauerte nicht lange, bis er nur noch auf Golfplätzen wirken wollte, wo die hohe Schule der Rasenkultur zelebriert wird. Lang gehört zu den wenigen, die die offizielle Greenkeeper-Ausbildung im deutschen Kempen bestanden haben – im Büro hängt das Diplom. Und er wohnt im Haus mitten auf dem Golfplatz. Allein im letzten Jahr musste er gegen vierzig Dachziegel ersetzen, von den Fensterscheiben gar nicht zu reden.

«Carlos, zeig mal, was du drauf hast», ruft ein Clubspieler, «aber leg nach dem Schlag die Grasfetzen wieder zurück!». Lang lächelt. Äusserlich gelassen wählt er Schäger Nummer drei, legt sich den Ball zurecht, konzentriert sich lange. Dann zieht er durch – hinten beim Teich flattert ein Blesshuhn davon. Der Schläger sei ungewohnt, komplett anders geschliffen als sein eigener, rechtfertigt er sich. Tatsächlich: Beim zweiten Versuch landet der Ball direkt auf dem Green, die umstehenden Golfer nicken anerkennend. Nur die blaue Arbeitshose unterscheidet jetzt den Greenkeeper mit dem Schnauz und den grauen Schläfen von ihnen.

Doch Lang weiss nur zu gut, dass die ewige Neckerei der Golfer nicht so kollegial gemeint ist wie es den Anschein macht. Im Büro hat er einen Spruch aufgehängt: «Der Greenkeeper ist immer an allem schuld. Er ist für manche Golfer nur der dumme August, der den Mäher fährt.»

Viele wissen nicht, dass Lang seit einem Jahr intensiv an seinem Golfspiel trainiert. Am Abend geht er nochmals auf den Parcours, spult im Eiltempo alle 18 Bahnen ab. «Golfspielen ist Teil meines Berufs», sagt er verharmlosend. In Wahrheit aber hat ihn der Ehrgeiz gepackt: Er will den Golfschläger so präzis führen wie das Messer seiner Mähmaschinen. Er will den Ball perfekt treffen, nur den Ball, ohne dabei einen einzigen Halm zu knicken.

 

Dieser Artikel erschien am 13. Juni 1996 in der «Weltwoche»