Wenn getrennte Aprikosen in die Sinnkrise führen

Ein Wörterbuch mit 115 000 Stichwörtern wird zum Bestseller: Besuch auf der Duden-Redaktion in Mannheim

Von Roy Spring

A (Buchstabe); das A; des A, die A» So beginnt der neue Duden zum Thema Die deutsche Rechtschreibung (auf der Grundlage der neuen amtlichen Rechtschreibregeln). Ein absoluter Bestseller in der Schweiz!

Reise nach Mannheim, ins Zentrum der deutschen Sprache. «Zum Duden, bitte!» Der Taxifahrer hält an der Dudenstrasse 6 in der Industriezone. Vor der gräulichen Fassade schreibt er die Quittung, bemüht, keinen Fehler zu machen. «DUDEN» steht in Grossbuchstaben auf dem Dach des Bürogebäudes. Ein Wort, das selbst nicht im Duden steht; zwischen «Dudelsackpfeifer» und «Dudler» klafft Bescheidenheit.

Eine Umfrage zeigte, dass der Duden für mehr als 90 Prozent der Deutschsprachigen ein fester Begriff ist, ein Synonym für Wörterbuch schlechthin. Doch kaum jemand kennt den preussischen Schulmeister Konrad Duden. Duden, 1829 in Obrighoven-Lackhausen geboren, war ein feuriger Verehrer von Reichskanzler Bismarck, begeistert von der Einheitsbewegung in Deutschland und der Reichsgründung 1871. Nach der gescheiterten Konferenz zur «Herstellung grösserer Einigung in der deutschen Rechtschreibung» (1876) begann er auf eigene Faust an einem «Vollständigen Orthographischen Wörterbuch der deutschen Sprache» zu schreiben. Der Urduden von 1880 erfasste 27 000 Wörter und kostete eine Mark.1901, an der staatlichen Rechtschreibekonferenz in Berlin, wurde er für alle Bundesländer verbindlich. Zwei Jahre später entschied sich auch die Schweiz für die preussische Schreibothographie, kürz darauf Österreich. Konrad Duden hatte sein Lebensziel erreicht: die vereinheitlichte Rechtschreibung, «soweit die deutsche Zunge klingt».

Dieses Mal war die Konkurrenz schneller. Während der Duden mit der Veröffentlichung seiner 21. Auflage die Unterzeichnung der zwischenstaatlichen Vereinbarung in Wien am 1. Juli 1996 abwartete, riskierte Bertelsmann einen Schnellschuss. Mit zweifelhaftem Erfolg. Denn bald lachten nicht nur Sprachpuristen über den «Shooting Star», der im neuen Wörterbuch als «schiessender Medienheld» eingedeutscht wurde.

«Wir setzen auf Qualität», sagt der Leiter der Duden-Redaktion, Matthias Wermke, trocken wie der Staub auf dem 15 Meter langen Karteikasten mit den über drei Millionen Kärtchen, in dem seit Jahrzehnten neue Wörter und Begriffe der sich ständig wandelnden Sprache registriert und ausgewertet werden: Leihmutter, Antiblockiersystem, ätzend, Datenautobahn, kuschelweich, aprilfrisch und telefonanieren (von Martin Walser erfunden).

Mit seinem akkurat gestutzten Vollbart und der dünnrandigen Brille hat Wermke Ähnlichkeit mit dem 1911 verstorbenen Schulmeister. Den Akzent im schmucklosen Büro setzt seine rote Krawatte; es ist das gleiche Rot, mit dem im neuen Duden die neuen Schreibweisen gekennzeichnet sind. Der Farbtupfer unterstreicht die Regelkonformität des 39-jährigen Germanisten mit Doktortitel.

Doch die Wüste lebt! Nicht einmal der Einheitsduden von 1991 (als nach über 40-jähriger Trennung, die Leipziger und die Mannheimer Ausgabe vereint wurden) löste eine vergleichbare Euphorie aus. Der Verlag rechnet mit einer Million verkaufter Exemplare bis Ende Jahr – Zahlen, die man nie für möglich gehalten hätte. Ganz besonders in der Schweiz sei ein veritables Fieber ausgebrochen, berichtete der Auslieferungsleiter letzte Woche beim grossen Fest. «Dort bekommen die Babys den Duden noch vor der Muttermilch», scherzte er, ein Glas Champagner in der Hand.

Wermke hat seinen Vorgänger Günther Drosdowski in einer denkwürdigen Phase abgelöst: Der bibliographische Jahrhunderterfolg passt in die Zeit, in der die Menschen Halt suchen – sei es auch nur im orthographischen Zweifel. Das Beherrschen der Regeln vermittelt Sicherheit», sagt Wermke.

Entsprechend verunsichert reagieren viele auf die kleinste Veränderung der Sprache; wer am Kulturgut herummanipuliert, wird als Gefahr wahrgenommen. Einmal gelernt, klammern sie sich verzweifelt an die Regeln der Rechtschreibung. Je mühsamer sie sich aneignen lassen, umso stärker wird disqualifiziert, wer sich nicht daran hält Also werden, solange es Wörterbücher gibt, Arbeitsplätze von Kommafehlern in Bewerbungsschreiben abhängen. Und ein Druckfehler wird weiterhin einen Text in Frage stellen, weil es einfacher ist, jemandem schwarz auf weiss einen Lapsus nachzuweisen, als sich auf eine inhaltliche Diskussion einzulassen...

Wenn es um Rechtschreibung geht, wollen plötzlich alle mitreden. Das Unwort «Filosofie» geisterte durch alle Zeitungen, obschon es nie in Frage kam. An jedem Stammtisch wurde eine «Katastrofe» heraufbeschwört. Chefredaktor Peter Rothenbühler plädierte in der «Schweizer Illustrierten» für «Rütmus», und der «Tages-Anzeiger» freute sich, dass die Swissair nun doch nicht zur «Swissär» oder gar «Schweizär» gemacht werde. In einem Leserbrief ereiferte sich die Zürcher Schriftstellerin Ursula von von Wiese, dass es neuerdings Tollpatsch heisst – dabei bedeute der ungarische Neckname Talpas ursprünglich "breiter Fuss", also müsse es doch weiterhin Tolpatsch heissen. «Als Kind weinte ich, wenn ich einen orthographischen Fehler gemacht hatte», schreibt von Wiese und fügt resigniert an: «Von jetzt an ist es mir gleich.»

Die meisten Leser wüssten nicht, woher sich ein Wort sprachwissenschaftlich ableite, beruhigt Wermke, der Laie suche nach Bezügen im aktuellen Wortschatz. So wird aus greulich eben gräulich, aus behände behände, belemmert wird zu belämmert und der Tolpalsch zum Tollpatsch. «Erst denken alle, die Welt geht unter, dann tritt Beruhigung ein», sagt der Nachfolger Dudens, es sei nicht anders als bei der Einführung der fünfstelligen Postleitzahlen.

Wenn auch die Duden-Redaktion weltfremd am Stadtrand von Mannheim residiert, so hat sie doch einen Draht nach draussen: über die telefonische Sprachberatung (0049-6211-390 14 26). Wer so viele Emotionen auslöst, muss schliesslich auch ein «Seelsorge-Instrument» (Wermke) anbieten.

Lämpchen leuchten auf, ein Gedränge in der Warteschleife. Birgit Eickhoff hat sich mit einer Flasche Mineralwasser hinter Nachschlagewerken verschanzt, auf dem Fenstersims kämpft Farn ums Überleben. In den letzten Tagen kamen Kamerateams hier vorbei, so etwas kommt einmal in hundert Jahren vor. Sie filmten die Duden-Redaktorin, als sie einem (fingierten) Anrufer erklärte, dass man «Schifffahrt» jetzt mit drei f schreibt. «Das fragt natürlich kein Mensch, aber so stellt man es sich vor», sagt Eickhoff.

Nicht erfunden ist hingegen die Anruferin aus der Schweiz. In der Kanzlei bestünden Differenzen, ob es nun heissen müsse «Der Gerichtstermin von Mittwoch, 5. September wird hinfällig» oder aber «vom Mittwoch, 5. September». Eickhoff schlägt im Band 9 «Richtiges und gutes Deutsch» nach. Je sicherer man sich ist, desto öfter muss man nachschlagen», das habe ihr ein alter Kollege eingebläut.

Oft gibt es Komplimente. Viele freuen sich, dass ihnen nachträglich Recht gesprochen wurde – es ist der kleine Triumph derjenigen, die «mit bestem Dank im Voraus» schon immer so geschrieben haben. Einer regt sich auf, dass es für den Stab, der im Shopping-Center auf dem Förderband die Waren trennt, keine Bezeichnung gibt. Wörterbuchleser sind scharfe Beobachter: Jemand will wissen, warum im Bertelsmann der Trennstrich bei «April» und «Aprikose» vor dem p und im Duden nach dem p steht. (Antwort: «Im Duden steht ein Verweis auf die neue Trennregel, vorläufig können Sie trennen, wie Sie wollen.»)

Das eigentliche Elend der Hilfesuchenden aber ist, dass auf einmal nichts mehr eindeutig ist. Bis ins Jahr 2005 gelten parallel die alte und die neue Rechtschreibung. In einigen Fällen bleibt es den Schreibenden selbst überlassen, wo sie Kommas setzen und Wörter trennen. Doch gerade mit diesen neu gewonnenen Freiheiten können viele Anrufer nichts anfangen. «Was würden Sie denn empfehlen», ist – so Eickhoff – eine häufig gestellte Frage. Enttäuscht sind auch jene, die Wetten abgeschlossen haben – und keiner kann über den anderen triumphieren.

Ungern erinnert sich Eickhoff an den Anrufer, der am Telefon ausflippte und die Duden-Redaktorin mit Hasstiraden eindeckte. Er wollte einfach nicht begreifen, warum man einerseits «x-beliebig» schreibt, dann aber «X-beinig». Ab sofort ist auch «x-beinig» erlaubt, und es ist zu befürchten, dass der Amokläufer in eine Sinnkrise stürzt.

Die Sprache gehört allen – mehr oder weniger. Immer häufiger sind im Duden die Blüten der Political Correctness (laut Duden: «von einer bestimmten Öffentlichkeit als richtig angesehene Gesinnung») zu finden. Solche Gesinnung hatte vor einem Jahr beinahe die Reform platzen lassen, als der bayrische Kultusminister Hans Zehetmair den religiösen Frieden gefährdet sah, weil der Papst orthographisch zum «heiligen Vater» degradiert werden sollte – nun bleibt er weiterhin der Heilige Vater.

Um die Zahl der Briefe und Telefonanrufe aufgebrachter Feministinnen zu reduzieren, ist die Duden-Redaktion dazu übergegangen, immer häufiger bei Berufsbezeichnungen auch die weibliche Form anzugeben. So ist neben dem Lehrer auch die Lehrerin erwähnt, neben dem Polizisten auch die Polizistin – nur die Lobby der Lokomotivführerinnen scheint zu schwach für einen bibliografischen Sonderzug. «Das Wortbildungsmuster bleibt ja immer dasselbe», winkt Wermke ab.

Das Wort «Neger», im letzten Dudeu noch unkommentiert, wird im neuen Duden mit dem Zusatz «auch abwertend» präzisiert. Die «Zigeuner» haben es sogar zu einer ausführlichen Fussnote gebracht: «Vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma als diskriminierend abgelehnte Bezeichnung.» Keinen Trost hat die Duden-Redaktion bislang für Mongolen, die sich wegen des «Mongolismus» in ihrer Integrität verletzt fühlen. «Trisomie 21» verstehe niemand, meint Wermke.

«Wir müssen immer mehr Warnschilder aufstellen», klagt der Duden-Leiter. Es wird ja nicht nur die Kommunikation erschwert, wenn man sich jedes Wort erst zweimal überlegen muss. Was Wermke noch viel mehr Sorgell macht, ist die Verständlichkeit eines Wörterbuches, das hinter jedem Begriff eine Stellungnahme abdrucken muss.

Ob unter diesen Umständen der nächste Duden auch ein Bestseller wird?

Dieser Artikel erschien am 12. September 1996 in der «Weltwoche»

 

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Tsweifellos föllik üperflüssik. Die «Reform» der deutschen Rechtschreibung ist ein mickriges Flickwerk von ein paar Besserwissern.