Der rätselhafte Erfolg des Aargauer Bäcker-Konditors René Baumann

Beobachtungen am Rand der Schweizer Tournee von DJ BoBo

Von Roy Spring

Es gab eine Zeit, da musste sich René Bauman noch nicht verstecken. Alle durften wissen, wo er wohnt, wie es ihm geht, was er vorhat. Doch dann wurde er plötzlich berühmt, und immer mehr Familien machten am Wochenende Ausflüge zu seiner Wohnung. Mit den Fingern zeigten sie zu seinem Fenster und sangen seine Lieder, bis er sie selbst nicht mehr hören konnte.

Heute wohnt er im Geheimen irgendwo auf dem Land im Luzernischen. Mit den Behörden ist abgemacht, dass die Adresse des Stars nicht bekanntgegeben wird. Auch die Nachbarn von René Baumann sind zum Stillschweigen verpflichtet, den Kindern wird gesagt: «Ihr wisst jetzt etwas, das ihr auf gar keinen Fall weitererzählen dürft.» Sonst zieht er sofort um, und die Nachbarn werden nicht mehr mit exklusivem Material versorgt, für das ein echter Baumann-Fan sein Vermögen hergeben würde.

«Hier haben wir einigermassen Ruhe», sagt ein leicht gestresst wirkender junger Mitarbeiter in den Büros der Künstleragentur United Artists Management. Wenn aber am Mittwochnachmittag und am Wochenende dennoch Fans auftauchen, werden sie mit Autogrammkarten abgespiesen. «Manche kaufen noch ein T-Shirt oder ein Poster.»

Dann steht er da. Er trägt Turnschuhe und unglaublich weiter Jeans, darüber ein langes kariertes Hemd. Nein, keine Designerklamotten wie George Michael, auch keine Sonnenbrille. Dafür verleiht ihm sein fliehendes Doppelkinn ein eigenes Profil, sein schütteres Haar fällt auf die Schultern, und das Muttermal auf der Stirn setzt einen Akzent. Das ist er also, der grösste Entertainer, den die Schweiz je gekannt hat.

René Baumann hat in den letzten Jahren etwa fünf Millionen Schallplatten verkauft. Genaue Zahlen gibt er nicht bekannt, auf eine Million mehr oder weniger kommt es ihm nicht mehr an. Den Prix Walo hat er als international erfolgreichster Schweizer Künstler gewonnen. Und in Monaco bekam er kürzlich die Trophäe als «World’s best-selling Swiss recording-artist of the Year». Goldene Schallplatten hängen an der Wand, sogar eine Platinauszeichnung ist dabei.

Der 28-jährige Unterhalter aus Kölliken im Aargau ist mit 174 Zentimetern sogar etwas grösser als Prince aus Minneapolis. Trotzdem wirkt er eher bescheiden. «Ich bin weder gross noch muskulös und wunderschön, und ich habe auch keine Wahnsinnsstimme», sagte er einmal. Und: «Über Geld will er nicht reden», sagt sein persönlicher Manager, der 27-jährige Oliver Imfeld, dem das irisblaue Porsche-Cabriolet vor dem Haus gehört.

Im Moment hat René Baumann vor allem eines: Muskelkater. Er steht am Anfang seiner Tournee durch die Schweiz, ans tägliche Herumhopsen muss er sich erst wieder gewöhnen. «Kein Problem», sagt der Performer, «das bin ich vom Fussball gewohnt.» Schon als Junior heim FC Kölliken ist er durch seinen Ehrgeiz aufgefallen.

Heute tritt er mit seiner Crew in Basel auf. Er setzt sich ans Steuer seines BMW, einen Chauffeur hat er nicht. Das sei das Gute an der Schweiz: Prominente könnten sich ohne Bodyguards bewegen. «Sogar Bundersräte fahren im Tram nach Hause», sagt er, und einer wie Christoph Blocher habe hier nichts zu befürchten. Den wahren Kult um seine Person hat Baumann auf seiner Südamerika-Tournee erkannt: «In São Paulo begrüssten mich die Fans schon am Flughafen.» Er habe sich sagen lassen, das sei ein Zeichen dafür, dass man sehr populär ist.

In der Rolle des Helden ist ihm allerdings nicht ganz wohl. Dem «Sonntags-Blick» verriet er einmal, er sei «einer der typischsten Schweizer, die überhaupt herumlaufen, ein Bünzli wie alle anderen». Da kennt er höhere Mächte. Michael Jackson vor allem. Baumann nennt ihn seinen «Guru» und ist überzeugt, dass die Vorwürfe der sexuellen Kindsmisshandlung nicht stimmen. Ausserdem weiss Baumann, dass «Jacko» seinen Namen kennt. Denn er hat einmal gehört, dass sein Idol immer «Bravo» liest, «und in fast jeder «Bravo» steht etwas über mich!»

Vor dem Stadion St. Jakob pflügt sich Baumann durch eine Traube von Mädchen, wie Insekten klatschen sie an die Scheibe. In der Turnhalle sieht bereits die 23 Meter breite Bühne. Techniker bauen Abschrankungen, um Baumann die Fans vom Leibe zu halten.

Baumann steht gelangweilt herum. In der abgedunkelten Halle sieht es aus, als hätte er eine Zigarette in der Hand, doch es ist nur der Infrarotsensor des drahtlosen Mikrofons – natürlich raucht er nicht. «Schubidu, Schahadu. here we go», trällert er. So locker Baumann wirkt, so fest hat er seine Mitarbeiter im Griff. Auf sein Kommando werden die Tänzer herbeigerufen, ein paar Figuren eingeübt. Auf einmal sagl Baumann launig: «Kurt, macht etwas vor, Dani mach’s nach.» Der Wunsch ist Befehl. Kurt macht ein Vorwärtsrollen. Dani auch. Kurt schlägt das Rad. Dani etwas weniger elegant. Kurt, ein früherer Kunstturner, macht einen Salto – und Dani, der gelernte Bodenleger muss kapitulieren.

Plötzlich stürmt eine Horde kreischender Mädchen die Halle. Sie haben in einem Radiowettbewerb gewonnen, dürfen beim Soundcheck dabeisein. Vor der Bühne recken sie ihrem Halbgott die Arme entgegen. Baumann bleibt gelassen. «Hoi zäme», sagt er, «hoffentlich händ er chli Spass.» Keine Spur von Arroganz, keine Starallüren, den Mädchen bleibt das Kreischen im Halse stecken, Nachher gibt's für jedes Kind ein Autogramm, und selbst im grössten Gedränge gibt Baumann den Filzstift an die Besitzerin zurück.

Baumann verschwindet in den Katakomben. Die Backstreet-Boys kommen auf die Bühne. Die fünf Teenager haben noch kaum einen Ton hervorgebracht, schon verlieren die Mädchen am Bühnenrand reihenweise das Bewusstsein. Schnell herrscht Platzmangel, Sanitäterinnen in weissen Hemden verteilen triefende Schwämme. Im improvisierten Lazarett neben der Bühne herrscht ein Chaos wie nach einem Giftgasanschlag. Einige haben Heulkrämpfe, krallen sich am Plüschtier fest. Ein Mädchen unter Schock versucht aufzustehen und wird von den Helfern an der Liege festgegurtet. Ein anderes wird mit einer Sauerstoffkonserve beatmet. «Los, weg hier», schreit ein Ordnungshüter zwei Girls an, die sich heulend in den Armen liegen, «macht Platz für ernste Fälle!»

Als Baumann vor wenigen Monaten die Boys aus Florida fürs Vorprogramm engagierte, konnte er nicht wissen, dass sie so schnell in die Fussstapfen von Take That treten würden. Doch wie rasant es gehen kann in dieser Branche, weiss er selbst am besten.

Als Bub wollte Rene Lokiführer werden, machte dann aber eine Lehre als Bäcker-Konditor – genau wie Heino notabene. In seiner Freizeit übte er Bewegungen, die aussahen, als hätte ihm jemand einen Stromstoss versetzt. Doch es war keine Krankheit, sondern der Electric-Boogie, damals gerade Mode. Nachts war der Zuckerbäcker als Sprayer unterwegs; als er einmal erwischt wurde, musste er zur Strafe einen SBB-Waggon reinigen. Immer aber erschien er morgens um vier Uhr pünktlich in der Backstube.

Nach dem Lehrabschluss legte er im Nightclub «Don Paco» im aargauischen Wohlen Schallplatten auf, wurde sogar Vize-Schweizer-Meister bei den Discjockeys. In dieser Zeit traf er den Breakdancer und KV-Stift Oliver Imfeld, der heute sein Manager ist. Das «Don Paco» wurde zum Szenentreff, hier trat auch der Clown Romano Breitschmid auf. Selbst als dieser als Mörder seiner Adoptiveltern verurteilt wurde, hielten sie zu ihm, besuchten ihn im Krankenhaus, kurz bevor er an Aids starb.

Erfolg und Absturz liegen nahe beieinander, doch die Show muss weitergehen. Baumann und Imfeld gründeten die Künstleragentur United Artists Management. «Wir haben die Welle der Männerstrip-Shows ins Rollen gebracht», sagt Imfeld. Mit dem Reingewinn verwirklichte Baumann den Traum von der eigenen Schallplatte. Die erste Disco-Schnulze mit dem unverfänglichen Titel «I Love You»  produzierte er Ende 1989 in Niederurnen mit dem Volksmusiker Salvo – brachte aber nur 400 Platten unter die Leute. Doch hartnäckig ging Baumann auf Tournee, tingelte durch Provinzdiscos, liess sich nicht entmutigen durch weitere Flops wie «Ladies in the House» und «Let’s groove on»).

Im November 1992 wurde aus bisher ungeklärten Gründen «Somebody dance with me» ein internationaler Megahit. Baumann fegte Whitney Houston von Platz 1 der Schweizer Hitparade, in Deutschland gingen 370 000 Platten über den Ladentisch, und ausgerechnet am anderen Ende dieser Welt, in Australien, verkaufte sich «Somebody dance with me» am besten: 570 000-mal. Dieser Erfolg ist selbst für Baumann «immer ein Rätsel geblieben».

Nicht einmal das rechtliche Nachspiel konnte seine Freude trüben. Denn der Refrain war geklaut, das Original ist von Rockwell, gesungen hat es Michael Jackson. Nach einem Vergleich fliessen noch heute für jede verkaufte Platte Tantiemen in die USA.

Der Aargauer blieb seiner Masche treu, kopierte aber ab sofort nur noch sich selbst. Mit «Keep on dancing» ging es im Herbst 1993 weiter, kurz darauf kam «Take control», dann «Everybody» – alles Bestseller. Baumann tourte durch Südamerika, Ost- und Nordeuropa und Australien. Als nächstes will er in den asiatischen Raum einfallen: Thailand, Singapur, China, Südkorea. «Wir versuchen den Erfolg ins Unendliche zu steigern», sagt der Manager, «wir wollen noch mehr bieten, noch mehr unterhalten.»

Es scheint, als hätte die ganze Welt nur auf René Baumann und seine Botschaften gewartet wie «Every nation is a situalion, now il’s time for combination» oder «What about my broken heart, what about my broken dreams, why does the world not see that I’m sad?».

Und so kamen die Medien nicht mehr um René Baumann herum. Mutter Ruth prägte in der «Schweizer IIlustrierten» den unvergesslichen Satz: «Ich bin stolz auf meinen Sohn», und sein Vater, der vom unehlichen Sohn nie etwas wissen wollte, meldete sich plötzlich aus Rimini. Ohne Erfolg, er ist nicht der Einzige, der etwas von René will. Wenn jemand hierzulande etwas Besonderes erreicht, wird er schnell zum Hoffnungsträger, dem sich die Menschen in Massen persönlich verbunden fühlen. Der gelernte Bäcker wurde gefragt, ob die Schweiz bei der Europäischen Union beitreten solle, ob er sich «als Exportschlager, ähnlich wie Käse und Militärsackmesser» fühle und ob er das Rezept für die Aargauer Rüeblitorte auswendig kenne.

Wie soll da das Privatleben nicht leiden. Bei Baumann kam es nach fünf Ehejahren zur Scheidung. Daniela hatte genug vom Superstar, der sich so bieder gibt – und trotzdem nie zu Hause ist. Eine Ringier-Journalistin war bei der persönlichen Aussprache dabei, nachdem ihm Daniela am Telefon mitgeteilt hatte, es sei endgültig vorbei: sie habe einen Anwalt eingeschaltet. «Der Erfolg hat unser Glück zerstört», jammerte Baumann im Interview. Kurze Zeit später zog sich die Exfrau für einen «Playboy»-Fotografen aus, und René Baumann – nur Zwergpudel «Macho» war ihm treu geblieben – erklärte seine Intimsphäre für tabu.

Ein Donnern wie von Düsenjets kommt aus den mächtigen Boxen. Detonationen attackieren das Trommelfell, Zuckerstöcke explodieren vor den glasigen Augen des Publikums. Aus dem Nebel taucht – Rene Baumann! Erneut sinken einige Mädchen zusammen.

Ummringt von den Tänzerinnen Tanja, Melissa und Stephanie ist Baumann der Mittelpunkt. Immer wieder breitet er seine Arme aus, trumpft mit gewagten Drehungen, Ausfallschritten und Kung-Fu-Figuren auf. Wenn er vor Anstrengung ausser Atem kommt, dreht Uwe am Mischpult einfach den Regler auf, und die Stimme ab Band übertönt das Keuchen. «Sind alli no zwäg?», fragt er immer wieder und beschwört die heile Welt mit projizierten Dias aus dem Familienalbum: René als Baby, als Schulbub, als Skifahrer und mit Hund. Jetzt erst fällt auf: Das Leben hat das kantenlose Gesicht von René Baumann wahrlich nicht gezeichnet.

«Sämtliches Material, welches während der Stunden beansprucht wird, muss nach Gebrauch wieder ordnungsgemäss verräumt werden», heisst es in der Hallenordnung. Eine Selbstverständlichkeit für einen, der schon in der Backstube am Feierabend immer alles schön versorgte.

Nur ein paar Fans haben die Regeln des Anstands verletzt: Der weisse Tourbus ist rundum vollgekritzelt: «Do you remember me'!» – «You turn me on.» – «I want your children.» Der Chauffeur will Anzeige erstatten gegen alle, die ihre Adresse und Telefonnummer aufgeschrieben haben.

«DJ BoBo! DJ BoBo!», skandieren ein paar Mädchen. Doch René Baumann ist längst durch einen anderen Ausgang verschwunden.

 

Dieser Artikel erschien am 4. April 1996 in der «Weltwoche»