Der Mensch und das denkende Erz aus der Waffenfabrik

Schwere Verkehrsunfälle machen Schlagzeilen. Von der Erotik des Crashs und der Utopie der Chancengleichheit im Strassenverkehr.

Von Roy Spring

Es war dieser verfluchte Mittwoch. «Blick»-Reporter Viktor Dammmann rückte an die Überlandstrasse in Zürich aus. Ein Sportwagen sei bei einer Bushaltestelle in eine Menschengruppe gerast. Mit eingedrückter Front stand der Porsche 928 mitten auf der Strasse. Ein Statussymbol war er nicht mehr.

Der Reporter sah noch die erfolglosen Versuche der Ärzte, ein kleines Mädchen ins Leben zurückzuholen. Weiter hinten wurde ihr Schwesterchen mit einem weissen Tuch zugedeckt. Die Mutter, schwer verletzt, war bereits auf dem Weg ins Spital. Tags darauf stand das Unfassbare in der Zeitung: Vom «Porsche-Drama» war die Rede, «ein ausser Kontrolle geratener Porsche raste aufs Trottoir». Nicht der Mensch wurde an der Unfallstelle verhaftet, sondern die Tatwaffe. Der Porsche wurde «zur Untersuchung sichergestellt», so drückte es der Polizeisprecher aus.

Was alles noch trostloser machte, war die Unmöglichkeit, einen Schuldigen zu identifizieren. Die Wut ging ins Leere, denn der Porsche-Fahrer war – so Viktor Dammann – «ein gewissenhafter Automechaniker, der niemals einen Tropfen Alkohol anrührte und in seiner Freizeit sozial auffälligen Kindern gratis Tauchkurse gab». Wieviel einfacher wäre es doch gewesen, wenn ein Besoffener und mehrfach Vorbestrafter in die Kinder gerast wäre. Kam dazu, dass der Vater der getöteten Kinder selbst «ein Flair für schnelle Autos» hatte, wie er dem «Blick» gestand. Und die getötete 4-jährige Simone, so der Vater, «mochte Porsches, die erkannte sie sofort! Dass es gerade ein Porsche sein musste... »

Die Entscheidung für das Traumauto ist allein dem Käufer vorbehalten. Mit teuren Kampagnen wird an den Egoismus appelliert: «Ihnen ist doch auch sonst egal, was Ihr Nachbar über Sie denkt», heisst es im Inserat für den Saab 900. Geboten wird «souveräne Leistung, die das Fahrvergnügen steigert». Beim Alfa 146 ti ist von «Temperament 2000» die Rede. Mazda wirbt für den neuen Xedos 6: «143 PS preschen los, wenn Sie den V6-2.0i-24V-Motor wecken». Und selbst beim noblen Jaguar («Erleben Sie die Wiedergeburt der Raubkatze») ist von «Ästhetik, Dynamik und Aggressivität» zu lesen, die sich beim neuen XK 8 «in nie zuvor gesehener Vollendung vereinen».

Schon 1888, in der ersten Autowerbung überhaupt, wurde der Patent-Motorwagen der Firma Benz als technisches Wunderding ohne jegliche Konsequenzen angepriesen: «Immer sogleich betriebsfähig! Bequem und absolut gefahrlos!» Damals ging es der Automobilindustrie darum, wohlhabenden Kutschenbesitzern eine schnelle Alternative zur aufkommenden Eisenbahn anzubieten. Individualität ist – neben Freiheit und Aggressivität – nach wie vor die meistverwendete Worthülse der Autoverkäufer. Beim Lancia Y hat der Käufer «die Freiheit, unter 112 Farben Ihre persönliche auszuwählen»). Wer so einzigartig ist, hat alle Macht: «Steilen Sie mit dem Lancia Y die Welt auf den Kopf.»

Die Möglichkeit, mit einer kleinen Muskelbewegung die Geschwindigkeitsmaschine zu steuern, lässt wilde Phantasien aufkommen. «Sie sind auch Herr über die Geschwindigkeit», heisst es in einem frühen Werbetext der Ford Company, «Sie können – wenn Sie wollen –langsam durch schattige Alleen gleiten oder Sie können den Hebel zu Ihren Füssen herunterdrücken, bis die ganze Landschaft um Sie herum verschwimmt und Sie die Augen aufreissen müssen, um die Meilensteine am Weg zu zählen.»

Mit dem technischen Fortschritt wurden von Anfang an Opfer in Kauf genommen. Zuerst stürzten die Fuhrwerke durchgebrannter Pferde um, später kamen Fussgänger, Kinder und Tiere unter die Räder. Die Polizei war machtlos, wenn sich die motorisierten Pioniere aus dem Staub machten. 1896 forderte ein Bürger von Paris die Einführung von Nummernschildern, im Österreicher Parlament wurde gar der Vorschlag unterbreitet, mit Schusswaffen gegen die «wilden Autler» und ihre pferdelosen Maschinen vorzugehen. Bis heute hinkt die Polizei der Entwicklung immer einen Schritt hinterher. Wer noch kein Radarwarngerät hat, muss immer höhere Bussen bezahlen.

Das Geschehen auf den Strassen war schon immer von Rücksichtslosigkeit geprägt. Wie eine Kriegserklärung an die Nichtmotorisierten liest sich der Reisebericht aus dem Jahr 1905 von Eugen Diesel, dem Sohn des berühmten Motoreningenieurs: «Nein, was machten wir bei unserem Abschied aus Italien für einen Staub! Das ganze Tal der Piave war dick eingenebelt, bis hoch zur Bergflanke lag eine weisse Wolke über dem Tale. Wir entsetzten die Fussgänger wie mit einem Gasangriff, ihre Gesichter verzerrten sich, und wir liessen sie zurück in einer formlos gewordenen Welt, in der weithin Feld und Baum unter einer trockenen Puderschicht alle Farbe verloren hatten.» Schon in den zwanziger Jahren hielt der österreichische Dramatiker Arnolt Bronnen in «Moral und Verkehr» fest: «Der Verkehr begann als Luxus., und er endete als Terror.»

Parallel zum vehementen Widerspruch wurden Autorennen populär. Die tollkühnen Männer in ihren rasenden Kisten schufen den Mythos des souveränen Piloten, der jederzeit die Situation im Griff hat. Die Frauen gingen nicht leer aus, sie erhielten die Hauptrolle in der Autowerbung zugesprochen: Die immer üppigeren Formen des lackierten Blechs wurden mit den Kurven des weiblichen Körpers verglichen. Das Ideal der schönen Frau im Automobil wurde etwas gestört, als 1927 die Tänzerin Isadora Duncan von ihrem Bugatti erdrosselt wurde, nachdem sich ihr Schal in einem Speichenrad verfangen hatte.

Die Menschen gewöhnten sich an das Verkehrsaufkommen, fanden sich mit der scheinbaren Ausweglosigkeit des technischen Fortschritts ab. Mehr noch, eine Umkehr können sie sich seit hundert Jahren nicht vorstellen. Viel stärker als alle Bedenken ist der Wunsch, der Zwang, selbst ein Automobil zu besitzen. Beileibe nicht nur einfache Leute verfallen dem Wahnsinn: «Infolge der wohltuenden Wirkung auf die Nerven finden wir gerade unter den Gehirnarbeitern enthusiastische Anhänger des Motorwagens», steht in Meyers Grossem Konversations-Lexikon von 1909.

Bertolt Brecht brachte 1928 gar eine Lobeshymne auf das Automobil zu Papier: «Wir stammen aus einer Waffenfabrik», heisst es im Gedicht «Singende Steyrwägen», «wir haben: Sechs Zylinder und dreissig Pferdekräfte / Wir liegen in der Kurve wie Klebestreifen / Unser Motor ist: Ein denkendes Erz.» Für seine Ode erhielt Brecht ein Fahrzeug des österreichischen Automobilherstellers geschenkt; damit verunglückte er ein Jahr später. Brecht fuhr mit seinem Steyr mit 70 km/h in Richtung Fulda, als hinter einem entgegenkommenden Lastwagen auf einmal ein anderer, viel stärker motorisierter Wagen hervorschoss. Brecht musste ausweichen, doch rechts von ihm ging es steil eine Böschung hinunter.

Den Absturz im offenen Fahrzeug hätte Brecht kaum überlebt. Kurzentschlossen zielte er auf den nächsten Baum, um das Fahrzeug, aufzufangen. Brecht, mit einem blauen Auge davongekommen, wetterte im Berliner Monatsmagazin «Uhu»: «Der Feind des Automobilisten, des Fussgängers, überhaupt des Verkehrs, ist der wilde Fahrer. Der wilde Fahrer ist fast an allen Verkehrsunfällen schuld, sei es, dass er nur ein Motorrad lenkt, einen Hanomag, einen Opel oder einen Mercedes. Die typische Redensart des wilden Fahrers ist: Ich habe meinen Wagen in der Hand. Er vergisst nur jedesmal dabei, dass der andere ihm Entgegenkommende seinen Wagen genauso sicher in der Hand haben muss.»

Ohne es zu wissen, hatte Brecht den ersten Crash-Test durchgeführt. 1959 setzt Daimler-Benz das Streben nach mehr passiver Sicherheit fort. Statt Dichter kamen Dummies zum Einsatz. Später verwendete die Automobilindustrie – wie vor drei Jahren publik wurde – auch menschliche Leichen, um das wachsende Bedürfnis der Autofahrenden nach perfekten Knautschzonen zu befriedigen.

Lustvoll ist ein moderner Crash-Test – die «Paarung Vitara/Golf» – in der neusten Ausgabe der TCS-Zeitung «Touring» beschrieben: «Die keilförmige Schnauze des Suzuki Vitara bohrt sich tief in die Flanke des VW Golf. Die Front des kleinen Geländewagens ist so hart, dass sie sich kaum verformt.» Der Vitara verhalte sich beim Frontalaufprall auf einen Personenwagen der Golfklasse «sehr aggressiv». Beim Crash erweise er sich «als ziemlicher Macho»; dabei hätten gerade «viele Vertreterinnen des schwachen Geschlechts» eine «Schwäche für den herzigen Kleinen». Fazit: «Die Tests haben deutlich gezeigt, wie schlecht die heutigen Fahrzeuge im Falle eines Falles zusammenpassen.»

Doch in einer Welt des linearen Fortschrittdenkens wird Chancengleichheit im Verkehr von vornherein ausgeschlossen. «Der Idealfall ist sicher weder möglich noch erstrebenswert», folgert der Autojournalist. Er würde nämlich bedeuten, «dass ein Einheitsauto gebaut wird: gleiche Höhe, identische Deformationselemente und gleiches Gewicht. Ein Auto also, mit dem die vielfältigen Mobilitätsbedürfnisse nicht abzudecken sind.»

So muss der Krieg auf den Strassen weitergehen, Blech gegen Blech, Blech gegen Mensch – jeder gegen jeden. Wo sich Fortschritt ohne Ausweg manifestiert, ist der Crash vorprogrammiert.

Wer sich ein Auto leisten kann, will Fakten, die sein Überleben garantieren. Schlechte Crash-Resultate lassen die Verkaufszahlen sinken, wie beim Ford Sierra geschehen. Bei der Neueinführung des Renault Laguna wurde vor den Augen geladener Gäste ein Frontalzusammenstoss zweier fabrikneuer Fahrzeuge inszeniert.

In der Autowerbung werden Crashs nur angedeutet – lieber als Wracks zeigt man glänzenden Lack: Im aktuellen TV-Spot rast ein Peugeot auf die Crash-Wand zu, doch das Dummy am Steuer stoppt kurz vor dem Aufprall, kehrt um und kutschiert – nur so zum Spass – durch eine heile Welt ohne Smog und Stau. Mercedes symbolisiert Fahrzeuge mit Nashörnern, die kreuz und quer durch Strassenschluchten hetzen. «Wir werden alles getan haben, um Sie im Ernstfall vor ernsten Folgen zu bewahren», verspricht Mercedes.

Ein BMW-Inserat bringt es auf den Punkt: «Der Faktor Mensch gilt heute als Unfallursache Nr. 1.» Immer zuverlässiger springt die Technik ein, wenn der Mensch die Kontrolle über seine Automobilität verliert: mit ABS, Airbag, «intelligenten Steuertechniken in Lenkachsen und Vergasern mit Fuzzy-Logic-Hatdware» (Audi) und «vollelektronischem Motormanagement (Opel). Der Mensch, Schwachstelle im System, wird allmählich von der Technik abgelöst – Brechts «denkendes. Erz» wird Wirklichkeit. Dabei wird der Triumph der Technik vom Besiegten erst noch als Errungenschaft gefeiert.

«Der Mensch ist etwas, das überwunden werden will.» Dieser Satz von Friedrich Nietzsche ist das Credo des kanadischen Regisseurs David Cronenberg. Sein neuer Film «Crash» spielt in einer kalten Betonwelt, in einem Verkehrschaos ohne Grün, ohne blauen Himmel und ohne Kinder. In dieser naturfeindlichen Umgebung haben es die Menschen schwer, aufgestaute Triebe auszuleben. Auf der Autobahn blättert Ballard (James Spader) in einem Pornoheft, dabei kommt es zur Frontalkollision; ein Unschuldiger kommt ums Leben. In der Wiederholung seines Unfalltraumas erlebt Ballard später sexuellen Lustgewinn.

Zusammen mit seiner Frau Catherine (Deborah Unger) und anderen Unfall-Enthusiasten geilt er sich an Videos über Crash-Tests auf. Auf der Jagd nach dem nächsten Orgasmus zeigen sie sich gegenseitig Narben und Verstümmelungen, machen Videoaufnahmen bei Verkehrsunfällen, koitieren sie in stinkenden Autowracks oder auf dem Rücksitz bei risikoreicher Fahrt im Stossverkehr. Vaughan (Elias Koteas), ein besessener Fotograf, der «die Umgestaltung des Körpers durch moderne Technologie ergründen will, stellt vor Publikum James Deans tödlichen Porsche-Unfall vom 30. September 1955 nach. Im Aufprall erlebt er Befriedigung. Nur Blut, Schmerz und Gewalt können die abgestumpften Gefühle noch wecken.

Auf der Suche nach dem ultimativen Kick kennen die Autofetischisten keine Rücksicht. Was mit den Nichtautomobilisten geschieht, ist in der «Crash»-Realität kein Thema – am längsten überlebt der stärker Motorisierte und der Rücksichtslosere. Einmal untersucht die Polizei ein Auto nach Blutspuren. Vaughan steht im Verdacht, absichtlich einen Fussgänger überfahren zu haben. Doch Fussgänger interessieren Vaughan nicht, sie haben keinen Platz in seiner Welt.

«Blick»-Reporter Viktor Dammann hat Abwehrmechanismen entwickelt, um mit den grausamen Eindrücken an den Unfallorten fertig zu werden. «Ich habe mir einen schweifenden Blick angewöhnt», sagt er, «mein Blick verweilt nicht auf den Toten und Verletzten, ich will diese Bilder nicht speichern.»

Auf seinem Schreibtisch liegt der neuste «Blick». «Schon wieder! Kind (6) totgefahren», heisst es auf der Titelseite: Ein Kindergärtler wurde auf dem Fussgängerstreifen erfasst, nur ein Turnschuh ist zu sehen. Tatwaffe ist ein roter Opel Kadett GSI, die «Todesfahrerin» ist mit einem schwarzen Balken vor den Augen abgebildet. Schon wieder hat der Mensch die Herrschaft über die Technik verloren – es hätte jeder andere sein können.

 

Dieser Artikel erschien am 14. November 1996 in der «Weltwoche»