Achtung, fertig, Weltklasse

Wunderkind und Naturtalent Anita Weyermann, 17, läuft allen davon.

Von Roy Spring

Maskottchen, Medaillen und Posters von Superstars bringen Farbe ins Kinderzimmer: Carl Lewis, Leroy Burrell, Jackie Joyner-Kersee. Das grösste Vorbild der 17-jährigen Schülerin Anita Weyermann aus Gümligen aber ist Noureddine Morceli, «weil er so wahnsinnig schnelle Schlussrunden läuft.» Schwärmerei eines Teenagers? Vielleicht. Erstaunlich ist, dass die Bewunderung auf Gegenseitigkeit beruht. Anita holt eine Autogrammkarte hervor, auf der ihr der algerische Wunderläufer zum Juniorinnen-Weltmeistertitel über 1500m gratuliert.

Anitas jüngste Auftritte lassen keinen Zweifel offen: Sie ist das grösste Versprechen aller Zeiten in der Schweizer Leichtathletik. Sämtliche Cross-Rennen, bei denen sie an den Start ging, hat sie für sich entschieden. Prominentestes Schweizer Opfer ist Daria Nauer, Titelverteidigerin beim internationalen Genfer Stadtlauf. «Ist das nicht etwas zu schnell für dich?» habe sie gedacht, als sie Anita auf und davon eilen sah. Doch die EM-Dritte über 10000m wurde eines Besseren belehrt, und kurz vor dem Ziel überspurtete Anita auch die hochkarätige Favoritin Liz McColgan, immerhin Weltmeisterin über 10000m. «Die habe ich gar nicht gekannt», sagt Anita, erst im Ziel habe ich erfahren, wen ich geschlagen habe.»

Anfang März, an den Schweizer Crossmeisterschaften, war Daria Nauer vorgewarnt. Doch vom Start weg lief Anita an der Spitze des Feldes; und immer wenn Daria ablösen wollte, legte Anita einen Zwischenspurt ein. «Auf einmal komme ich mir so alt vor», klagt die 29-jährige Nauer, «plötzlich wird mir bewusst, dass ich nicht mehr zum Nachwuchs gehöre.» Dass sich die neue Cross-Meisterin wenige Tage vorher die kleine Zeh gebrochen hatte, als sie in ihr unaufgeräumtes Zimmer stürmte und einen herumliegenden Kleiderhaufen wegtreten wollte, hätte Anita am liebsten für sich behalten.

Wettkampfbilder im Sportteil der Zeitungen zeigen die Newcomerin als muskulöse, völlig durchtrainierte Modellathletin. Ihr Gesicht hat kämpferische, zuweilen verbissene Züge, aus ihren braunen Augen sticht absoluter Siegeswille. Doch wenn sie einem in der Haustüre gegenübersteht – verschwitzt, weil sie gerade vom Hometrainer kommt –, glaubt man, es müsse sich um Anitas kleine Schwester handeln. Da steht ein offenes und natürliches Mädchen, gerade 1,61m gross, das man kaum älter als 14 Jahre schätzt. Weyermanns sind eine sportliche Familie. Abends sitzen alle im Trainingsanzug beim Chemineefeuer. Vater Fritz ist begeisterter Hobbysportler, doch Karriere hat der gelernte Tiefbauzeichner im Beruf gemacht, er ist Bauingenieur. Mutter Therese, früher Arztgehilfin, leitete jahrelang im Turnverein die Mädchenriege und seit kurzem das Altersturnen in Gümligen. Der 15-jährige Michael fährt Skirennen, sein Hobby sind seine Kaninchen und die Modelleisenbahn. Hoffnungslos hingegen waren sämtliche Versuche der Eltern, bei Anita Interesse an Beschäftigunge zu wecken, die nichts mit Sport zu tun haben. «Wir haben sie in die Gitarrenstunde geschickt, mussten aber das Experiment abbrechen», sagt der Vater. «Ich kann überhaupt nicht singen», bestätigt Anita, der Lehrer habe gesagt, sie gehöre zu den zwei Prozent, die es nie lernen.

Umso besser konnte sich Anita auf dem Col des Mosses austoben, wo Familie Weyermann auf 1500m ü. M. ein Ferienhaus hat. Prompt vermuten Fachleute, Anitas unerklärliche Erfolge seien auf das regelmässige Höhentraining zurückzuführen. Kommt dazu, dass die ganze Famile mehrmals nach Tansania an den indischen Ozean gereist ist, wo Fritz Weyermann Getreidesilos und Wasserreservoirs baute. «Wer weiss, vielleicht hat das unsere Anita irgendwie beeinflusst», rätselt die Mutter. Selbst für die Eltern ist es nicht einfach zu verstehen, dass ihre 17-jährige Tochter plötzlich eine Weltklasseathletin ist. Den Wirbel um ihre Person findet Anita eher lästig «Früher haben mein Bruder und ich zum Spass Unterschreiben geübt», sagt sie, «doch jetzt, wo ich wirklich Autogramme geben muss, kritzle ich irgendwie meinen Namen aufs Papier und komme mir ziemlich blöd vor.»

Anitas sprühendes Temperament ist früh aufgefallen: Die Kindergärtnerin bezweifelte, dass Anita in der Schule still am Pult sitzen könne. In jeder freien Minute war das Energiebündel in Bewegung. Sie war die Schnellste im Skiclub Les Mosses, ein Jahr später auch im Schwimmclub Bern. Beim Coiffeur bestand sie auf einer Frisur, wie Olympiasiegerin Erika Hess sie trug, hielt sich aber für viel zu dünn, um wie die Grossen Slalomstangen wegzuknicken wie Streichhölzer. Darum versuchte sie sich einen dicken Hintern anzufressen, träumte von Oberschenkeln wie Pflöcken. Doch schmale Hüfte und knabenhaft athletischer Körperbau sind geblieben. Die einzige Stelle, wo Anita noch heute im Winter etwas Fett ansetzt, sind ihre Pausbäckchen.

Zur Leichtathletik kam Anita zufällig. Der Vater leitet bei der Gymnastischen Gesellschaft Bern (GGB) eine Skigruppe. Anita fand Spass am Hürdenlaufen, Weit- und Hochspringen. Als Elfjährige meldete sie sich erstmals für einen 80-m-Lauf beim «Schnällschte Bärner Meitschi» an, doch am Mittwoch vor dem grossen Wochenende stürzte die Übermütige von einem Baum und brach sich den Unterarm. «Weil ich keine Startstellung machen konnte, bin ich einen Tausender gelaufen», erinnert sich Anita. Mit grossem Vorsprung kam sie ins Ziel. «Mir gefällt einfach alles, wo ich mich voll ausgeben kann», sagt die unbekümmerte Draufgängerin.

Ihren Bewegungsdrang bändigte sie mit Skifahren, Schwimmen, Velofahren, Langlaufen, Tennisspielen und Rollschuhfahren, und so konnte sie sich im Sommer 1990 quasi nebenbei für die Schweizer Meisterschaften in Lausanne qualifizieren. Als Jüngste kam sie überraschend ins Finale. «Ich kann mich wahnsinnig auskotzen, manchmal muss man direkt Angst um mich haben», sagt sie. Aber eigentlich wollte sie ja nicht Leichtathletin, sondern eine berühmte Skifahrerin werden. Darum fuhr die Slalomspezialistin FIS-Rennen, war auf dem Sprung in den Skizirkus. «Sie hat wirklich geglaubt, sie kann gleichzeitig im Skifahren und in der Leichtathletik gross herauskommen», staunt der Vater, «diese fixe Idee konnte man ihr unmöglich ausreden.» Anita machte ihre eigenen Erfahrungen: 1993 wurde sie innerhalb von 35 Minuten Schweizer Juniorenmeisterin über 800 und 1500m, wenige Wochen später Vierte bei den Frauen über 800m. «Wenn das Rennen etwas weiter gegangen wäre, hätte ich eine Medaille geholt», sagt Anita.

Schicksalsjahr 1994: Weil ein FIS-Rennen wegen Schneemangels abgesagt werden musste, ging Anita bei den Cross-Meisterschaften an den Start und siegte souverän in der Mädchenkategorie. «Auf der Ziellinie war mir plötzlich bewusst, dass ich nicht mehr Skifahrerin, sondern Leichtathletin sein wollte.» Von diesem Moment an ging alles sehr, sehr schnell. Beim Pfingstmeeting in Zofingen schaffte die 16-Jährige die WM-Limite und den Juniorinnenrekord über 1500m. «Für mich war das nicht überraschend», sagt Anita, «ich hatte so ein Büchlein mit den Richtzeiten, und als ich sah, dass nur fünf Sekunden fehlten, war mir alles klar.»

Für die Anderen war nichts so selbstverständlich. Besonders in der Schule führten häufige Absenzen zu Differenzen. «Die Gymer-Zeit wurde zum Horror», sagt der Vater, und Anita hält sich die Hände vors Gesicht. «Wenn ich wissen wollte, was wir am Samstag durchnehmen, sagte der Lehrer, ich müsse halt in die Schule kommen», erzählt sie. Die Schikaniererei führte dazu, dass Anita oft weinend nach Hause kam. «Wir konnten nicht mehr zuschauen, mussten etwas unternehmen», sagt der Vater. Die Eltern entschlossen sich für eine Privatschule. Als Reaktion auf den Austritt schrieb Markus Hohl, Rektor des Gymnasiums, er habe Zweifel, ob dies der Weisheit letzter Schluss gewesen sei. «Leider opfert man dem Sport alles – und die Sportverbände tun wacker mit!» Er wünsche Anita «gedeihliche Entwicklung» und hoffe, «ihr gelinge das Kunststück, im Sport und in der Schule mit Spitzenleistungen zu brillieren».

Ende Juli, knapp vier Wochen nach dem Hohl-Brief, startete Anita an den Weltmeisterschaften in Lissabon. Als frischgebackene Juniorin trat sie gegen drei Jahre ältere Konkurrentinnen an. Keinesfalls dürfe sie jedes Tempo mitgehen, hatte Trainer Walter Baumann gewarnt – doch Anita lief wieder einmal das Rennen ihres Lebens. Auf der Zielgeraden kämpfte sie eine favorisierte Spanierin nieder, lief 4:13,97 und war Juniorenweltmeisterin. «Im Rennen kenne ich nichts, ich will nur gewinnen», sagt Anita, und ihre braunen Augen blicken starr geradeaus, «auf der letzten Runde kann ich mich töten, wenn’s sein muss.»

In der Schweiz, wo Sportkarrieren hart und von Grund auf erarbeitet werden und irgendwie schon im vornherein klar ist, dass man es bis ganz an die Weltspitze niemals schaffen kann, ist man auf eine solche Senkrechtstarterin nicht vorbereitet. Doch jetzt kam dem Schweizerischen Leichtathletik-Verband (SLV) die Sache langsam kenianisch vor: Ehrenamtliche Funktionäre rieben sich die Augen und erkannten, dass in Gümligen vermutlich das grösste Naturtalent herumkurvt, das die Schweiz je gesehen hat.

«Anita musste Weltmeisterin werden, bevor sie ins Kader kam und finanzielle Unterstützung erhielt», sagt der Vater, «es ist verrückt, wie lange man in einer solchen Situation komplett allein gelassen wird.» Längst sind mehrere amerikanische Universitäten auf die Ausnahmeathletin aufmerksam geworden; sie fordern Anita auf, nach Übersee zu kommen, wo vollumfänglich für ihr Wohl gesorgt sei. Die Boston University schrieb an den «Leightathlethick»-Verband, es gehöre zur amerikanischen Kultur, auf höchstmöglichem Niveau eine Balance zwischen akademischen, athletischen und sozialen Aspekten zu erreichen. Das war Balsam die enttäuschte Schülerin.

Überfordert vom Phänomen Anita war auch der Trainer. «Anita ist ein ungezähmter Gaul», rüffelt Mittelstreckentrainer Walter Baumann, «sie hält sich nicht an Trainingspläne, trainiert im Versteckten.» So eine Athletin sei ihm noch nie untergekommen, ereifert er sich, der mit seinen Mädchen nicht weniger als 50 Medaillen – davon 19 Schweizer Meistertitel – geholt habe. «Anita braucht täglich eine zweifache Dosis Sport!» flucht Baumann, dem es auch mit Zwangsmassnahmen nicht gelungen ist, die Ungestüme zu bremsen. Als letztes Mittel hat er sogar ein Wettkampfverbot für das internationale Meeting in Brüssel verhängt, und weil sie daraufhin in Tränen ausbrach, habe er den Bettel hingeschmissen. «Die Verantwortung ist für mich untragbar geworden», sagt der Trainer, «ich kann für Anita nicht mehr geradestehen.»

Jetzt befürchtet Baumann, die Schweizer Nachwuchshoffnung könnte noch vor Ende der Pubertät verschlissen werden, und er sieht gar ihre Gesundheit bedroht, etwa durch die gefürchtete Knochenbrüchigkeit, die Jeanne-Marie Pipoz zum Verhängnis wurde. Damit steht er nicht alleine, überall werden jetzt Mahnfinger erhoben. Vorsorglich hat der «Sport» drei Narrenkappen an das Umfeld des «Laufwunders» verteilt, falls diese das «Supertalent verheizen, weil sie der wettkampfverrückten Jungläuferin keine Wettkampfpause aufzwangen».

Auch Hugo Rey, einst erfolgreicher Marathonläufer, hat sich am Spezialfall Anita die Zähne ausgebissen. Er hat strikte Pläne ausgearbeitet, fremde Sportarten gestrichen und Anita ein Jahresabonnement für die Pediküre geschenkt, da ihre Füsse immer voller Blasen sind. «Ich will nicht nach sturen Vorgaben trainieren und meine Zeit in Schönheitssalons vergeuden» kontert Anita. Jetzt trainiert sie wieder aus purer Freude an der Bewegung nach dem eigenen Gefühl und ohne Stoppuhr. Mindestens zweimal am Tag treibt sie Sport, schwimmt, joggt, ist mit dem Rennvelo oder auf Rollerblades unterwegs. Niemals würde sie in einem tristen Kraftraum Gewichte stemmen; lieber fährt sie Ski und Mountainbike. Längst haben es die Eltern aufgegeben, Anita am Bewegungsdrang zu hindern. Sie sind schon froh, wenn die Tochter zur Entspannung Einrad fährt und jongliert. «Wir können unsere Tochter ja nicht einsperren», meint die Mutter.

«Anita ist die kompletteste Läuferin, die mir jemals unter die Augen gekommen ist», sagt Heinz Schild, der als Speaker seit 14 Jahren das Meeting «Weltklasse in Zürich» kommentiert. Schild, der als Trainer von Markus Ryffel Schweizer Sportgeschichte geschrieben hat, fühlt sich bei Anita etwas an die legendäre südafrikanische Barfussläuferin Zola Budd erinnert. «Es ist einzigartig, wie diese Athletin aufgebaut ist», schwärmt er, «ein absoluter Glücksfall.» Auch Margrit Isenegger, die als SLV-Kaderleiterin den Vater beim Coachen seiner Tochter unterstützt, sieht in Anita einen «völlig neuen Typ von Sportlerin». «Wer nur ihr Pensum kennt, schüttelt den Kopf, doch Anita hat die phänomenale Gabe, intuitiv das Richtige zu trainieren.» Weil sie die verschiedenen Sportarten technisch auf sehr hohem Niveau betreibe, könne sie Trainingseffekt und aktive Erholung kombinieren. Am meisten ärgert sich Margrit Isenegger über all die Fachleute, die sich einmischen und immer alles besser wissen. «Niemand kennt ihren Körper besser als sie selbst», sagt sie. Isenegger ahnt, was auf dem Spiel steht: «Wenn man ihr sagt, ab jetzt bist du nur noch Läuferin, ist bei Anita das Thema Spitzensport von heute auf morgen abgehakt.»

Nur mit viel Einfühlungsvermögen ist es dem Vater und der Kadertrainerin gelungen, der Draufgängerin die diesjährigen Weltmeisterschaften in Göteborg auszureden. «Sie wollte unbedingt 5000m laufen und zweifelt keinen Moment, die Limite zu schaffen», sagt Isenegger. Erst nach langem Feilschen gab sich Anita mit den beiden Saisonzielen Cross-WM in England (am 25. März) und Junioren-Europameisterschaften in Ungarn zufrieden.

Dieser Artikel erschien am 16. März 1995 in der «Weltwoche»