Tsweifellos föllik üperflüssik
Die «Reform» der deutschen Rechtschreibung ist ein mickriges Flickwerk von ein paar Besserwissern.
Von Roy Spring
Was tut eine Firma, die Benzin-Zapfsäulen herstellt und ihre Produkte kaum noch losbringt? Sie erklärt, die neuen Zapfsäulen seien umweltfreundlicher. Gleichzeitig pflegt sie, gute Kontakte zu
Experten und Sachverständigen auf politischer Ebene, die zeigen wollen, wie wichtig ihnen das Wohl der Allgemeinheit ist. Schon sind neue Vorschriften ausgearbeitet, die den zwingenden Ersatz der
Zapfsäulen an allen Tankstellen verlangen.
Auch die deutsche Sprache müsse modernisiert werden, fanden ein paar Spezialisten. Sie heckten ein paar völlig überflüssige Regeln aus, bezeichneten dies kühn als «Reform» und wollen es nun –
angeblich zum Gemeinwohl – allen unterjubeln, die die deutsche Sprache schreiben.
Wäre es bloss eine Reform. So eine, wie wir sie als Kinder machten, um die Pedanten mit dem Rotstift zu ärgern: Einmal haben wir wie die Engländer konsequent alles klein geschrieben. Ein anderes Mal
haben wir beschlossen, die Buchstaben g, b, z, d und v abzuschaffen, ta sie ja tsweifellos föllik üperflüssik sint. Oder wir liessen einfach alle Vokale weg – ds wrn nch Rchtschrbrfrmn!
Aber jetzt dieses mickrige Flickwerk von ein paar Rechthabern! Unerträglich, dass sich die Befürworter dieser Sprachverhunzung für besonders modern halten, nur weil sie hier ein Komma weglassen und
«das gibts doch nicht!» ohne Apostroph schreiben. Es ist der Triumph derjenigen, die «mit bestem Dank im Voraus» und im «Grossen und Ganzen» schon immer falsch geschrieben haben. Warum soll man
plötzlich nicht mehr lachen dürfen, wenn jemand «platzieren» und «nummerieren» schreibt? Das gibt’s doch nicht!
Die Banausen sind im Aufwind. Kaum machen sie einen Reformgegner aus, halten sie ihm ein Wörterbuch unter die Nase, das noch nach Druckerschwärze riecht. Dann beweisen sie, dass man jetzt schnäuzen
statt schneuzen schreibt (weil’s von Schnauze kommt), Stängel statt Stengel, Quäntchen statt Quentchen; behände statt behende; überschwänglich statt überschwenglich, gräulich statt greulich. Aus den
Ferien schicken sie Postkarten, auf denen sie von romantischen «Flussschifffahrten» und grazilen «Balletttänzerinnen» schwärmen; sie behaupten, sie hätten «Gämsen» und «Kängurus» gesehen und
«Tunfisch, mit Ketschup» gegessen; und sie schreiben so nahe an den Rand, bis sie «Zu-ckerhut» und «Geis-terbahn» trennen müssen.
Zugegeben, für Kinder, Ausländer und Legastheniker macht es keinen Unterschied, ob sie die neuen oder die alten Regeln lernen; sie kommen bloss nie dahinter, dass die deutsche Sprache einmal viel
interessanter war. Schriftstellern und Journalisten wird vorgeworfen, sie hätten sich nicht rechtzeitig in die Diskussion um die Rechtschreibreform eingeschaltet. Doch wer wollte die Didaktiker,
Pädagogen und Linguisten ernst nehmen, die zwanzig Jahre lang nichts als Peinlichkeiten verbreiteten und sich zum Schluss heftig darüber stritten, ob man den Heiligen Vater in Zukunft gross oder
klein schreiben soll?
Die Besserwisser hätten doch lieber mehr Toleranz beschlossen, statt ein paar abstruse Regeln aufzustellen und eine Reform nur um der Veränderung willen zu verabschieden. Hätten sie doch Lehrerinnen
und Lehrer aufgefordert, bei Aufsätzen mehr auf Sprachgefühl und Inhalt zu achten, statt Kommafehler anzustreichen. Offenbar geht es in den Schulen aber immer noch mehr um Disziplinierung als um
selbständiges Denken.
Die Sprache sei etwas Lebendiges, was sich wandeln müsse, halten die Reformwütigen den Kritikern vor. Doch es sind, gerade per Dekret verordnete Reformen, die nicht in die heutige Zeit passen. Die
Sprache verändert sich schon von selbst – auch ohne blindwütige Eingriffe sturer Technokraten. Ausserdem registriert die Duden-Redaktion in Mannheim seit Jahrzehnten jede sich einschleichende
Schreibweise. Gönnen wir also denen die Freude, die sich mit Begeisterung auf jeden neuen Duden stürzen und ihn im Bücherregal direkt neben die Bibel stellen – und schaffen die sogenannte
Rechtschreibreform ab! Der neue alte Duden wird bestimmt wieder ein Bestseller!
Dieser Artikel erschien am 31. Juli 1997 in der «Weltwoche»
Wenn getrennte Aprikosen in die Sinnkrise führen. Besuch auf der Duden-Redaktion in Mannheim.
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