Powerpoint – Freipass für Schaumschläger

Im Büro grassiert das Powerpoint-Fieber – doch war da ausser knalligen Charts noch was?

 

Müsste Galileo Galilei heute begründen, dass die Sonne nicht um die Erde kreist, dann würde er zuerst Powerpoint aufstarten. Im «AutoInhalt-Assistenten» aktivierte er den Präsentationstyp «Verkaufen von Ideen» und wählte den spektakulären Hintergrund «Feuerball». Powerpoint würde ihn auffordern, Hauptthesen und überprüfbare Argumente zu formulieren, «Mitgefühl mit der Situation des Publikums» zu zeigen sowie «eine Anekdote aus dem richtigen Leben» einzuflechten. Mit Balken-, Säulen- und Kuchendiagrammen würde Galilei sein Referat aufpeppen – und niemand käme auf die Idee, ihn wegen Unglaubwürdigkeit anzuklagen.

Nie zuvor war es leichter, die Menschen von irgendetwas zu überzeugen. Die elektronischen Folienschlachten gehören heute zum Alltag auf allen Etagen. Bereits hat Powerpoint eine neue Ästhetik geprägt: So genannte Clip-Arts können im Internet zu jedem erdenklichen Thema heruntergeladen werden (z.B. in der Design Gallery Live auf dgl.microsoft.com). Vielsagende Glühbirnchen werden millionenfach an die Leinwand gebeamt, um nichts sagende Buchstaben aufzumotzen. Schliesslich leben wir in einer Welt von Bildern, und ein Bild sagt mehr als tausend Worte – Tendenz steigend. Nicht selten, dass der Referent am Schluss seines Exkurses keine inhaltlichen Fragen beantworten muss, sondern erklärt, woher er all die pfiffigen Strichmännchen hat. Mit der idiotensicheren Software ist endlich jeder in der Lage, seine gesammelten Geistesblitze wie ein 1.-August-Feuerwerk abbrennen zu lassen. Nichts ist zu banal, um das Publikum im abgedunkelten Konferenzzimmer zu begeistern. Wenn es darum geht, abgedroschene Konzepte als geniale Lösungen zu verkaufen, werden rasch ein paar knallige Powerpoint-Charts zusammengeschustert. Zu den Stichworten formuliert dann der smarte Präsentator ein paar halbwegs zusammenhängende Sätze, unterstützt von sporadischen Witzchen und originellen Bildchen. Und – o Wunder! – kaum auf Folie gebannt, erscheint Unzusammenhängendes plötzlich logisch und sonnenklar.

Doch Gefahren lauern hinter jedem Mausklick. «Nicht bloss zitieren und zusammenkopieren», wird etwa am Informatikseminar der Fachhochschule Rapperswil gewarnt, «was Sie präsentieren, müssen Sie selbst verstanden haben.» In Crash-Kursen werden Heerscharen von Interessierten abgefertigt, die den automatischen Selbstdarsteller auf ihrer Harddisk professionell anwenden wollen.

Am Vormittag wird zum Beispiel verraten, wie man dem Hintergrund eine Marmorstruktur zuweist, damit das Gesagte wie in Stein gemeisselt erscheint. Oder was zu tun ist, damit die Argumente von links nach rechts ins Bild schiessen, untermalt vom Sound eines Formel-1-Rennwagens. Nach dem Mittagessen stehen dann Grundkenntnisse der Wahrnehmungspsychologie unter Berücksichtigung der berühmten «Bedürfnispyramide» auf dem Programm. Und bei den «Präsentationsübungen mit Video- und Gruppenfeedback» kommt endlich jeder Teilnehmer zu seinem Erfolgserlebnis.

Längst hat das Medium die Botschaft ersetzt. «Wer intelligente Produkte oder Dienstleistungen aus dem High-Tech-Bereich verkaufen will, kann nicht mit Hammer und Meissel präsentieren», heisst es kategorisch im Prospekt eines Seminaranbieters. Wortreich wird auf die Wichtigkeit der Wichtigtuerei hingewiesen. «Da heute Entscheidungen bis zu achtzig Prozent aus emotionalen Gründen getroffen werden, muss ein aktives Beziehungs-Management mit den Schlüsselpersonen gepflegt werden», heisst es. «Diese weichen Faktoren sind umso wichtiger, je weniger sich Ihr Produkt von den konkurrierenden Angeboten unterscheidet.»

«Make the customer feel smart», raten die Experten und warnen davor, den Zuhörer intellektuell zu überfordern. Man müsse die Charts in «hirngerechte Info-Blöcke» gliedern – mit dem Ziel, regelmässige «Aha-Erlebnisse» auszulösen. An Stelle abstrakter Wörter verwende man besser bildhafte Begriffe – statt «Verkaufsprogramm» sage man also lieber die «Torero-Strategie». Denn das Lernen sei ein Prozess, der «wie ein Puzzle» funktioniere: «Der Mensch denkt zuerst mit den Augen und verbindet diese Assoziationen mit bereits Gesehenem.» Powerpoint - das ist eine Warnblinkanlage, die dem Zuhörer sagt, wo er aufzuhorchen hat und was er sich einprägen muss. Oder in der Sprache der professionellen Schaumschläger: «Durch Visualisieren werden komplexe computertechnische Prozessabläufe mit einfachen bildhaften Mitteln vermittelt.» Sogar eine Faustregel wird geliefert: «Der Zeitanteil für die Computerpräsentation (Mensch-Maschine-Kontakt) darf insgesamt nicht grösser sein als der Zeitanteil für den persönlichen Kontakt (Mensch-Mensch-Kontakt).»

An der letzten «Presentations and Training» in Atlanta, der internationalen Fachmesse der Powerpointer, ging die Warnung raus, dass trotz Animations- und Soundeffekten der Mensch nicht in den Hintergrund gedrängt werden dürfe. Ein frommer Wunsch. Denn der Präsentator, der mit immer weniger Aufwand immer perfektere Shows abzieht, blendet sich allmählich selber aus. Hauptsache, die Krawatte sitzt und die Funkmaus mit Laserpointer gibt nicht den Geist auf. Genau genommen ist Powerpoint ein Rückfall in die Zeit vor der Aufklärung: Lange war es nicht mehr so einfach, die Menschen davon zu überzeugen, dass die Erde der Mittelpunkt des Universums ist.

 

© Roy Spring