«Sport ist für mich eine Lebensaufgabe»
Die Schweizerin Christine Müller ist Weltsportlerin des Jahres – bei bei den Seniorinnen. Sie holte bei den diesjährigen Weltmeisterschaften in Lahti vier Goldmedaillen, und hält mehrere Europa- und Weltrekorde. Ein Gespräch mit der 51-jährigen Leichtathletin über Jugendwahn, Doping und die Suche nach Sponsoren.
Von Roy Spring
Frau Müller, Sie wurden an der letzten Gala des internationalen Leichtathletik Verbandes (IAF) in Monaco zur Weltsportlerin des Jahres gekürt. Wie fühlt man sich als erfolgreichste Seniorin der Welt?
Es war ein toller Moment, von Yelena Isinbayeva und Sergey Bubka im «Salle des Etoiles» den Pokal aus Acrylglas überreicht zu bekommen. Bei den Aktiven wurde übrigens bei den Frauen Isinbayeva ein bei den Männern ein gewisser Usain Bolt ausgezeichnet…
Vor lauter Interviewanfragen kommen Sie bestimmt kaum zum Trainieren . . .
(Lacht) Das ist leider gar nicht so. Nach wie vor werden ältere Leistungssportler eher belächelt als bewundert. Doch mein Titel hat beim Schweizerischen Leichtathletikverband immerhin bewirkt, dass ich als erste Seniorin für die Wahl zur Leichtathletin des Jahres nominiert wurde – neben den jungen Talenten Nicole Büchler, Nadine Rohr und Linda Züblin.
Wie haben Sie es geschafft, Weltsportlerin zu werden?
Entscheidend waren meine Weltrekorde im Hürdenlauf sowie die grosse Überlegenheit bei meinen Siegen. Mit 12,18 Sekunden über 80 Meter Hürden unterbot ich den bestehenden Weltrekord um fast eine halbe Sekunde. Irgendwann war nicht mehr zu übersehen, dass hier eine Schweizerin allen um die Ohren läuft.
Warum findet Ihr Erfolg trotzdem so wenig Anerkennung?
Wenn es um Senioren-Leistungssport geht, werden in den Medien lieber Bilder von ehrgeizigen Opas gezeigt, die mit den Ellbogen aufeinander losgehen, oder von alten Damen, die in Pantöffelchen in den Wassergraben stürzen. Doch man sollte die unglaublichen Topleistungen der Crème de la Crème zeigen. Zum Beispiel den 70-jährigen Deutschen Guido Müller, der mit 59,34 Sekunden über 400 Meter seinen eigenen Weltrekord verbesserte.
Ist Leistungssport im Alter überhaupt gesund?
Für mich stimmt es. Ich trainiere nach Gefühl und Intuition, ungefähr zwei- bis viermal in der Woche. Dank meiner langen Erfahrung und einem ausgeprägten Körperbewusstsein kann ich mit minimalem Aufwand maximal viel erreichen. Mit meiner Routine kann ich etwas kompensieren, dass man mit dem Alter tendenziell verletzungsanfälliger wird und immer mehr Zeit für die Erholung benötigt.
Wie ernähren Sie sich? Auf welche alltäglichen Genüsse müssen Sie verzichten?
Ich esse nach Lust und Laune. Klar, ich trinke nicht viel Alkohol oder schlinge kiloweise Pralinen in mich hinein. Und wenn ich müde bin, gehe ich früh schlafen. Aber sonst lebe ich völlig normal. Dafür fühle ich mich topfit, und ich kenne weder Bluthochdruck noch Kreislaufbeschwerden oder Übergewicht.
Was ist Ihre Motivation? Der Traum von der ewigen Jugend?
Der Reiz ist, sich immer wieder einer Herausforderung zu stellen, an die eigenen Grenzen zu gehen und die bestmögliche Leistung abzurufen. Das macht mich immer völlig nervös, aber nachher erlebe ich eine totale Befriedigung. Das Gefühl während eines optimalen Rennens, bei dem alles stimmt, ist für mich genau das gleiche wie in jungen Jahren. Dabei geht es nicht um die Zeit oder um den Sieg. Darum spielt auch das Alter keine Rolle.
Ist Doping auch bei Senioren ein Thema?
Ja, dieses Problem existiert tatsächlich. Doch dafür habe ich überhaupt kein Verständnis. Bei jüngeren Athleten kann ich es noch nachvollziehen, wenn jemand in die Falle tappt: Es geht um Geld, Ruhm und die Karriere. Doch warum sollten Senioren dopen? Um einen Blumentopf zu gewinnen oder kurz auf dem Podest zu stehen?
Man hört, dass ältere Sportler Viagra nehmen, um die Libido zu steigern . . .
Tatsache ist, dass Senioren aus finanziellen Gründen nicht so streng kontrolliert werden wie die jüngeren Athleten. Darum habe ich die sogenannte «Vaterstetter Erklärung» unterzeichnet. Das ist ein Antidoping-Ehrenkodex von Senioren-Leichtathleten.
Wie bringen Sie Sport, Beruf und Privatleben unter einen Hut?
Der Beruf hat aus finanziellen Gründen Priorität. An zweiter Stelle stehen meine fünfzehn Katzen und fünf Hunde, die bei mir leben. Sie stammen alle aus Tierheimen oder von Privatpersonen, die sie nicht mehr unterhalten konnten. An dritter Stelle kommt der Sport. Hier werde ich von meinem direkten Umfeld optimal unterstützt.
Wer schaut zu den Tieren, wenn Sie unterwegs sind?
Die Katzen bleiben zuhause und werden durch meinen Trainer oder meinen Vater gehütet. Die Hunde können mitkommen. Kürzlich habe ich einen Mercedes Vito gekauft. Damit reise ich nun zusammen mit meinen Lieblingen an die Wettkämpfe in ganz Europa. Darin schlafe ich auch am besten. Viel besser als in jedem Hotelzimmer!
Wann haben Sie mit Leichtathletik angefangen?
Vor genau vierzig Jahren, damals war Meta Antenen mein Idol. Mit vierzehn wurde ich erstmals Schweizermeisterin Jugend B im Dreikampf, mit sechzehn Jugend A im Weitsprung. Später, während dem Architekturstudium, musste ich etwas zurückschrauben. Doch mit Leichtathletik hörte ich nie ganz auf. Wann kam der Erfolg zurück? Mit dreissig glaubte ich, das sei meine letzte Wettkampfsaison. Doch als ich Martina Navratilova mit 36 Wimbledon gewinnen sah, dachte ich nicht mehr ans Aufhören. Seit ich mit 35 als Seniorin starten kann, habe ich an internationalen Meisterschaften über 50 Medaillen gewonnen, darunter mehr als dreissig goldene. Früher hiess es, gegen Ende zwanzig kannst du es langsam vergessen mit der Schnelligkeit. Dann gehörte Gail Devers mit 38 zu den weltbesten Hürdensprinterinnen, und Merlene Ottey startete als 44-jährige an den olympischen Spielen in Athen über 100 Meter.
Haben Sie Anfragen von Sponsoren – als erfolgreichste Seniorin der Welt?
(Lacht) Nein, überhaupt nicht. Von meinem Verein bekam ich immerhin einen Gutschein für ein Paar Adidas-Schuhe und vom Verband den aktuellen Nationalmannschaftsdress. Das ist schon alles. Von der Ausrüstung bis zu den Reisen an die Wettkämpfe bezahle ich alles aus meinem eigenen Portemonnaie.
Wie lange wollen Sie weitermachen?
Ich mache nicht noch einmal den Fehler, meinen Rücktritt anzukündigen. Für mich ist Sport eine Lebensaufgabe, und ich kann mir im Moment noch nicht vorstellen, keine Wettkämpfe mehr zu bestreiten. Ich mache weiter, solange ich Freude habe und gesund bleibe. Ich habe keinen Druck, und jede Saison, die ich erleben kann, ist für mich wie ein Dessert, das ich intensiv geniesse.
Dieser Artikel erschien am 23. Dezember 2009 in der «Weltwoche»
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