Wie im Krimi
An jeder Ecke lauert das Unheil. Das «gelbe Sicherheitsbuch für jedermann» gibt Tipps zum Leben in bedrohlichen Zeiten.
Von Roy Spring
Früh am Morgen der erste Schock: Es klingelt an der Haustür. Ich werfe einen Blick durch mein neues Fischauge, das einen Winkel von über 190 Grad erfasst. «Es könnte sich jemand gebückt oder in
Kauerstellung vor der Tür befinden und nur darauf warten, blitzschnell hineinzuschlüpfen», steht in meinem kleinen gelben Büchlein, ohne das ich längst tot wäre. Öffne ich nur einen Spalt, «gibt es
nichts mehr, was einen entschlossenen Eindringling davon abhalten kann, alles in seinen Besitz zu nehmen, was ihm gefällt, und auch Ihr Leben gerät in Gefahr». Noch einmal bin ich mit einem blauen
Auge davongekommen!
Mit einem mulmigen Gefühl wage ich mich ins Freie. Denn: «Jedesmal, wenn wir das Haus verlassen, laufen wir Gefahr, Opfer einer Untat zu werden», lese ich weiter. Seit ich weiss, dass überall Unheil
droht, ist mein Quartier spannend wie im Krimi: «Grundsätzlich kann alles, was für den Ort oder die Tageszeit im geringsten ungewöhnlich erscheint, verbrecherische Aktivitäten signalisieren.» Bis vor
kurzem dachte ich zum Beispiel nichts Schlimmes, wenn ich Unbekannte in einem parkierten Auto sitzen sah. Doch jetzt schöpfe ich Verdacht, denn «möglicherweise wird nach einer Einbruchgelegenheit
Ausschau gehalten, während die Insassen den Eindruck eines Liebespaares zu erwecken versuchen». Und was ist mit dem Autofahrer, der sich so provozierend an die Tempo-30-Limite hält? «Jedes Fahrzeug,
das langsam durch ein Wohnviertel auf einer ziellos und repetitiv wirkenden Route fährt, erregt Verdacht. Die Insassen sind vielleicht gerade dabei, die Gegend in Hinsicht auf Drogengeschäfte oder
mögliche Raub- bzw. Sexualopfer auszukundschaften.»
Dort, ein Jogger! Sofort schlage ich nach: «Ein Unbekannter; der die Strasse entlangrennt, ist vor allem, wenn er dabei etwas davonträgt, verdächtig. Weiter vorne laden junge Leute Möbel in einen
Lieferwagen. Da ziehen wohl bald neue Mieter ein, hätte ich noch vor kurzem gedacht. Wie naiv! «Professionelle Einbrecher haben auf diese Weise schon ganze Häuser leergeräumt», weiss ich jetzt.
Sofort alarmiere ich die Polizei. Dabei komme ich mir überhaupt nicht blöd vor, denn im gelben Büchlein steht: «Machen Sie sich keine Gedanken darüber, ob Sie die Polizei belästigen, oder ob sich der
Verdacht als unbegründet erweisen könnte. Denken Sie stattdessen daran, was passieren könnte, wenn Sie keine Meldung erstatten.» Nein, ich will mich doch nicht mitschuldig machen.
Höchste Zeit, ins Büro zu kommen. Vorbei sind die Zeiten, als ich bedenkenlos ins Auto stieg. Jetzt werfe ich immer zuerst einen Blick ins Wageninnere. «Besonders nachts kann ein Individuum mit
Überfallabsicht darin Stellung bezogen haben.» Es ist sogar schon geschehen, «dass ein Täter sich unter einem Auto versteckte, und als der Besitzer kam, ihn an den Beinen fasste, unter dem Auto
hervorkroch und dann das Opfer ausraubte». Ist nichts Verdächtiges festzustellen, zählt jede Sekunde: «Halten Sie den Schlüssel bereit. Konzentrieren Sie sich auf das, was Sie tun. Lassen Sie sich
nicht ablenken. Steigen Sie rasch ein und schliessen Sie sofort wieder ab.» Uff, gerade noch einmal geschafft!
In Sicherheit bin ich aber noch lange nicht. Darum fahre ich «möglichst auf gutbeleuchteten Strassen und mit viel Verkehr» – Staus hin oder her. Weil «mehr Verkehrsteilnehmer bewaffnet sind, als man
gemeinhin annimmt», vermeide ich jeden direkten Blickkontakt mit anderen Autofahrern, um kein Aggressionspotential auszulösen. Panik an jeder Ampel: «Jedesmal, wenn Sie an einer Strassenkreuzung
anhalten müssen, besteht die Möglichkeit, dass jemand in Ihr Auto eindringt und Sie entweder zum Aussteigen oder, noch schlimmer, zum Weiterfahren zwingt.»
Zitternd vor Angst, blicke ich in den Rückspiegel und sehe die Schweissperlen auf meiner Stirn. Im Büchlein steht: «Falls Sie ein teures Auto fahren, sollten Sie immer Ausschau nach eventuellen
Verfolgern halten, das gilt insbesondere dann, wenn Sie ein Restaurant oder Einkaufszentrum verlassen.» Besonders gefährlich und attraktiv für Ganoven sind «aus psychologischen Gründen» orange, gelbe
und vor allem knallrote Wagen. «Aufmerksamkeit erregen ist das Letzte, was Sie tun sollen.» So schnell wie möglich werde ich mein BMW-Cabrio gegen einen dunkelgrauen Opel eintauschen.
Am meisten fürchte ich mich vor einer Panne. Früher konnte man ja einfach einen Autofahrer anhalten und ihn um Hilfe bitten. Doch heute gilt: «Steigen Sie nicht aus, um selbst den Reifen zu wechseln.
Vergewissern Sie sich, dass alle Türen verriegelt sind. Bringen Sie ein <Bitte Strassenhilfe, Tel. 140 verständigen-Schild> an Ihrem Heckfenster an und warten Sie in Ihrem Auto, bis Hilfe
eintrifft.» Selbstverständlich wird dringend davon abgeraten, anderen Verkehrsteilnehmern in Not zu helfen, «wenn man dabei aus dem Auto steigen muss». Kein Wunder, stoppen immer öfter
Kriminelle.
Mit Verspätung komme ich ans Ziel. Der einzige freie Parkplatz ist neben einem VW-Bus. Kommt nicht in Frage: «Es gibt Spezialisten, die in solchen Lieferwagen auflauern, im gegebenen Augenblick aus
der Seitentür herausstürzen, sich auf das Opfer werfen, es ausrauben und in Sekundenschnelle mit der Beute davonbrausen.» Bleibt das Parkhaus, das zwar «für zweifelhafte Elemente zahlreiche ideale
Verstecke» bietet. Doch ich bin gefasst, und beim geringsten Unbehagen stütze ich mich voll auf die Hupe und lasse die Warnlichter aufblinken, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen.
Noch einmal lebendig angekommen. Doch im gelben Büchlein steht: «Nur weil Sie Ihren Arbeitsplatz unversehrt und ohne Schaden erreichen, bedeutet das noch nicht, dass Ihre Aufmerksamkeit nachlassen
darf, da noch immer Gefahren auftauchen können.» Wohlweislich meide ich das Treppenhaus: «Obwohl manche Menschen der Gesundheit zuliebe Treppen benützen, sind Treppenhäuser gewöhnlich recht einsam
und sie bieten ein ideales Umfeld für unlautere Machenschaften.» Dramatik auch im Lift. Da man nie wissen kann, ob ein Fahrgast «keine hinterlistigen Absichten hegt», stelle ich mich in Reichweite
der Schaltknöpfe mit dem Rücken an die Seitenwand, um alle Passagiere im Blickfeld zu haben und notfalls den Rat zu befolgen: «Sollten Sie von jemandem bedroht werden, betätigen Sie den Notschalter
und drücken Sie auch auf alle Etagenschalter gleichzeitig.»
Später im Büro gibt es keine Entwarnung: Sind alle Schubladen abgeschlossen? Liegt kein Taschenrechner und kein Handy unbeaufsichtigt herum? Hat es in meinem Portemonnaie genügend
«Köder-Geldscheine», von denen ich mir die Seriennummern notiert habe?
Weil ich im Büro kaum noch zum Arbeiten komme, muss ich Überstunden machen. Das hat den Nachteil, dass ich meine Einkäufe nicht vor dem Eindunkeln erledigen kann. Selbst da weiss mein gelbes Büchlein
Rat: «Eine Möglichkeit ist, per Katalog zu bestellen, doch auch damit sollten Sie vorsichtig sein und sich absichern, da Sie schliesslich nicht Opfer eines Post- oder Kreditkartenbetrugs werden
wollen.»
Ein Dauerstress ist das Leben in diesen bedrohlichen Zeiten. Doch bald habe ich Ferien. Das erzähle ich natürlich keiner Menschenseele, denn «je weniger Leute über Ihre Reisepläne unterrichtet sind,
desto besser», heisst es im gelben Büchlein. Auf keinen Fall spreche ich darüber an öffentlichen Orten, etwa in Lebensmittelgeschäften, Restaurants oder beim Coiffeur. «Es ist besser, diskret
zu sein, denn als Opfer büssen zu müssen!»
Um während meiner Abwesenheit den Eindruck zu erwecken, als sei immer jemand zu Hause, installiere ich mehrere Zeitschaltuhren. Raffiniert programmiere ich sie versetzt, denn «dadurch entsteht der
Eindruck, jemand würde von einem Zimmer ins nächste gehen». Meinen Radiowecker stelle ich so laut, dass er an der Haustüre zu hören ist, und das Telefon leise, «damit Einbrecher es nicht stundenlang
unbeantwortet läuten hören».
Ganz wichtig – neben Schockbeleuchtung und Doppelschlüsseltürriegeln – ist, dass das Katzentürchen nicht höher oder breiter ist als fünfzehn Zentimeter, weil sonst die Einbrecher kleine Kinder
durchschieben, die ihnen dann von innen aufschliessen. Denn: «In diesen Kreisen gilt: Niemand zu klein, Helfer zu sein.» Nachdem ich mich vergewissert habe, dass ich wenigstens meinem Nachbarn
vertrauen kann, bitte ich ihn, mir in meiner Abwesenheit regelmässig «den Rasen zu mähen und zu giessen, damit es so aussieht, als sei jemand zuhause und alles nehme seinen gewohnten Gang».
Nach einem hektischen Tag voller Abenteuer sinke ich ins Bett. Beim Einschlafen gehe ich noch einmal die wichtigsten Regeln durch: Wenn ein Einbrecher kommt, ist es das beste, «ihm überhaupt nicht zu
begegnen», denn er steht «unter psychischer Hochspannung und kann in Panik geraten, wenn er sich ertappt sieht». Gelingt das nicht, lasse ich mich «nicht von Rachegefühlen leiten» und bleibe «so
ruhig und kontrolliert wie möglich». Wache ich aber auf, und der Einbrecher steht schon im Schlafzimmer, stelle ich mich schlafend, «bis er wieder verschwunden ist». Dann rette ich mich zum Nachbarn
und alarmiere die Polizei.
Was aber, wenn der Nachbar der Täter ist? Wer mäht dann den Rasen, wenn ich in den Ferien bin?
Dieser Artikel erschien am 2. April 1998 in der «Weltwoche». Rolf Ritz (Hrsg.): Fünfzig Schutzmassnahmen gegen Verbrechen – das gelbe Sicherheitsbuch für jedermann. Swiss Edition Fachverlag,
Zürich 1998
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