«Zu viele Berge, zu wenig Zeit»

Khoo Swee Chiow ist professioneller Abenteurer und Buchautor. Ein Gespräch mit dem «Adventure Consultant» aus Singapur über die atemlose Jagd nach Rekorden, über lebensgefährliche Misserfolge und darüber, warum der Mount-Everest-Bezwinger die Eigernordwand meidet.

 

Von Roy Spring

 

Herr Khoo, welches sind Ihre persön­lichen Helden?

 

Sicher haben mich Hillary und Tenzing, die Everest-Erstbesteiger, inspiriert. Über Reinhold Messner habe ich viel gelesen. Mich beeindrucken aber auch Persönlichkeiten wie der Boxer Muhammad Ali oder der Radfahrer Lance Armstrong. Und natürlich Mahatma Gandhi, der sich allein dem britischen Weltreich entgegenstellte.

 

Was fasziniert Sie an diesen Menschen?

 

Der Mut dieser Leute. Sie verschieben die Grenzen von dem, was möglich ist. Als alle sagten, es sei völlig unmöglich, den ­Everest ohne Sauerstoff zu besteigen, zog Messner los – und schaffte es trotzdem!

 

Wussten Sie schon als Kind, dass Sie an die Grenzen gehen wollen? Sind Sie der ge­borene Extremsportler?

 

Nein, in der Schule bin ich nicht sonderlich aufgefallen. Ich war angepasst, habe nie etwas Aussergewöhnliches gemacht. In Singapur ist der höchste Berg, der Bukit ­Timah, gerade mal 164 Meter hoch.

 

Wie kamen Sie auf die Idee, den Everest zu bezwingen?

 

Der Moment, der alles veränderte, war 1989 in den Ferien in Nepal. Als ich aus grosser Entfernung den Gipfel sah, wusste ich, dort muss ich hinauf! Ich nahm Kletterunterricht, bezwang klei­nere Berge und Vulkane in Malaysia, Indonesien und Neuseeland. Jedes Jahr einen, immer höhere.

 

Wie wurde die Everest-Expedition konkret?

 

Zusammen mit Freunden trainierte ich vier Jahre lang intensiv und suchte nebenbei private Sponsoren. Wir wurden zudem von der Regierung unterstützt. Die ersten Singa­purer auf dem Everest, das war ein nationales Projekt!

 

1998 standen Sie auf dem höchsten Gipfel der Erde. Hat das Ihr Leben ver­ändert?

 

Danach war ich völlig aufgeputscht. Ich hatte das Gefühl, jetzt kann ich alles erreichen. Alle Pro­bleme schienen klein, alles war leicht. Ein Jahr später stellte ich die erste Singa­purer Antarktis-Expedition auf die Beine. Am 31. Dezember 1999 stand ich nach 57 ­Tagen und 11 256 Kilometern am Südpol.

 

Dann beschlossen Sie, Profiabenteurer zu werden?

 

Ja, ich kündigte meinen gutbezahlten Job als IT-Spezialist bei Singapore Airlines und nannte mich fortan «Adventure Consultant».

 

Mit Erfolg?

 

Zunächst, ja. 2000 komplettierte ich im Schnelldurchlauf die «Seven Summits», die sieben höchsten Gipfel der Welt. Doch dann folgte ein riesiger Flop. In meiner Euphorie hatte ich mir für 2001 nach dem Südpol den Nordpol vorgenommen.

 

Also Eisbären statt Pinguine...

 

(Lacht) Ja, genau. Gefährlich waren aber nicht die Eisbären, sondern die Tatsache, dass der Nordpol nicht auf dem Kontinent liegt, sondern im Ozean. Alles ging schief. Ich hatte die falsche Ausrüstung, bekam Frostbeulen, das Essen war mit Kerosin verseucht. Nach nur neun Tagen musste ich um Hilfe rufen und ­wurde mit einem Propellerflugzeug evakuiert. Wenn ich länger durchgehalten hätte, hätte man mir die Finger ampu­tieren müssen.

 

Wie war die Reaktion auf den Misserfolg?

 

Es folgten Monate des Zweifelns. Ich fragte mich, ob ich mich überschätzt hatte und ob alles ein Fehler war. Doch dann blickte ich wieder nach vorne, und 2002 startete ich zur zweiten Nordpol-Expedition. Nach 45 Tagen konnte ich sagen: «Mission accomplished!»

 

Sie waren der vierte Mensch, der den «Grand Slam» geschafft hat: die Bezwingung der sieben höchsten Gipfel und beider Pole. Sind Sie ein Masochist?

 

Vieles habe ich vom Vater mitbekommen, der letztes Jahr mit 93 gestorben ist. Er war zielstrebig und lebte sehr spartanisch. Disziplin war für ihn das Ein und Alles. Jeden Morgen Punkt 6.30 Uhr öffnete er sein Lebensmittelgeschäft, sein ganzes Arbeitsleben lang. Das hat mich beeindruckt, und ich habe gelernt: Man muss wirklich hart arbeiten, wenn man etwas erreichen will.

 

Um Ihren Sponsoren etwas zu bieten, realisierten Sie auch seltsame Projekte. Zum Beispiel den Tauch-Weltrekord über 220 Stunden in einem Wassertank vor einem Shopping-Center.

 

(Lacht) Zugegeben, das war speziell. Doch ich ­wollte wissen: Wie verbringt man fast zehn Tage unter Wasser, ohne verrückt zu ­werden. Ich musste meine Gedanken fokussieren und mich mental beschäftigen. Schlafen war kaum möglich, die aufsteigenden Wasserblasen waren zu laut. Rund um die Uhr waren Kameras auf mich gerichtet, und über ein Walkie-Talkie konnte ich mit den Besuchern und mit meiner Frau ­sprechen. Dabei habe ich fünf Kilo abge­nommen, ohne irgendetwas zu tun.

 

Was ist der Reiz solcher Abenteuer?

 

Zuerst ist es immer eine Idee, ein Traum. Dann stellen sich konkrete Fragen: Wie erreiche ich mein Ziel? Als ich mir zum Beispiel in den Kopf setzte, den Ärmelkanal zu durchqueren, musste ich zuerst schwimmen lernen. Wer immer nur träumt, der erreicht überhaupt nichts im Leben.

 

Nach dem Fiasko am Nordpol blickten Sie dem Tod 2001 ein weiteres Mal ins Auge.

 

Es war auf dem Abstieg vom Gipfel des ­Shishapangma, den ich ohne Sauerstoff bezwungen hatte. Ich begann zu halluzi­nieren, auf einmal sah ich Menschen, und ich begann mit ihnen zu sprechen. Doch niemand war da, nicht einmal ein Yeti. (Lacht) Als ich auf 7000 ­Metern über Meer campieren wollte, ­waren der Schlafsack und das Essen ver­schwunden. Bis heute ist es mir ein Rätsel, wie das passieren konnte. Ich sass die ganze Nacht unter freiem Himmel und wartete auf den Sonnenaufgang. Mein Glück war das gute Wetter. Sonst hätte ich das nicht überlebt.

 

Was sagt Ihre Frau, wenn Sie so gefährliche Missionen unternehmen?

 

Sie ist es gewohnt und vertraut meinen Entscheidungen. Zudem ist sie selbst Bergsteigerin und hat den Aconcagua bezwungen, den mit 6959 Metern höchsten Gipfel in Südamerika. Bevor wir Eltern wurden, haben wir zusammen den Fuji in Japan, den Mount Whitney in Kalifornien und einige Vulkane in Indonesien bestiegen.

 

Welche Pläne haben Sie für Ihre Kinder?

 

Es spielt mir eigentlich keine Rolle, was die beiden später machen werden. Aber ich möchte ihnen Entschlossenheit, Willenskraft, Mut und ein grosses Herz für die Menschen mitgeben.

 

Haben Sie Angst um ihre Zukunft?

 

Meine grösste Sorge ist, dass sie später nicht auf eigenen Füssen stehen können. Doch die beste Erziehung ist meiner Meinung nach, ein gutes Vorbild zu sein. Mein Sohn weiss zwar, dass Daddy zuoberst auf dem Everest stand. Doch entscheidend ist, was wir gemeinsam unternehmen. Wir ­haben bereits mit kleinen Familienaben­teuern in Malaysia, Thailand, Vietnam und auf den Philippinen angefangen.

 

Sie haben drei Bücher geschrieben, halten Vorträge für Firmen. Was ist Ihre Botschaft?

 

Ich habe für meine Abenteurerkarriere ­einen sicheren Job aufgegeben, das ist für Singapurer Verhältnisse sehr mutig. In meinem Land verfolgt man seine berufliche Laufbahn langfristig, man schätzt Sicherheit und fixe Strukturen. Doch Visionen und ­Risikobereitschaft sind im Geschäftsleben entscheidende Faktoren.

 

Was ist zu tun?

 

Wir haben einen ­hohen Lebensstandard erreicht, viele Singapurer sind deswegen bequem geworden. Es braucht wieder mehr Leidenschaft und Mut, etwas zu wagen! Die Chinesen sagen: «Der Wohlstand in einer Gemeinschaft hält nur für drei Generationen, dann beginnt der Kreislauf von vorne.» Wir sollten uns also auf härtere Zeiten mit neuen Herausforderungen gefasst machen.

 

Sehen Sie Parallelen zur Schweiz?

 

Beides sind kleine, erfolgreiche Nati­onen. Umso wichtiger ist es, das Erreichte zu verteidigen. Sonst haben so kleine Länder keine Chance.

 

Gibt es Schweizer Gipfel, die Sie unbedingt noch besteigen möchten?

 

Mein Traum sind das Matterhorn, der Monte Rosa sowie Eiger, Mönch und Jungfrau.

 

Die legendäre Eigernordwand?

 

(Lacht) Nein, nein, diese Route ist mir technisch zu anspruchsvoll. Zu viele Berge, zu wenig Zeit...

 

Khoo Swee Chiow, geboren 1964 in Malaysia, ist «Adventure Consultant», Buchautor und Referent. Er lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern, Sohn Sheng Feng, 8, und Tochter Sheng En, 5, in Singapur. www.daretodream.com.sg