Mobilisierung der Zweibeiner
Fussgänger sind ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Ein Plädoyer für die zeitgemässe Fortbewegung auf Inline-Skates.
Inline-Skates sind das Fortbewegungsmittel für das dritte Jahrtausend. Erfunden wurden sie nicht gestern oder vorgestern, sondern anfangs des 18. Jahrhunderts. Um 1760 montierte der belgische
Musikinstrumentenhersteller John Josef Merlin als erster je zwei Metallräder hintereinander an die Kufen seiner Schlittschuhe. 1789 sorgte der verbesserte «patin à terre» kurz für Furore, ein
rollender Stiefel mit Holzrädern und martialischem Wadenschaft. Immer weiter Wurde getüftelt, und schon der amerikanische Poet Walt Whitman (1819–1892) soll gesagt haben: «Inline-Skating ist eine
feine Sache, nicht zuletzt deshalb, weil es einem die eigene Zerbrechlichkeit und Nichtigkeit angesichts solch erhabener Dinge wie Beton oder Schwerkraft auf spielerische Weise wieder ins Bewusstsein
ruft.»
Wieder belebt wurde die Idee 1960 durch die Eisschnellläufer in der damaligen Sowjetunion, die Inline-Skates zum Trainieren im Sommer benutzten. Anfang der achtziger Jahre witterte der amerikanische
Eishockeyprofi Scott Olson das grosse Geschäft. Allerdings etwas zu früh: 1985 musste er seine Firma «Rollerblades» für 96 000 Dollar an die italienische Benetton-Gruppe verhökern. Erst ein Jahrzehnt
später war die Zeit reif für den Durchbruch. Gemäss einer Untersuchung des Weltverbandes der Sportartikelindustrie (WFSGI) ist Inline-Skating mit weltweit rund fünfzig Millionen Aktiven die am
stärksten wachsende Sportart. In der Schweiz, dem Land mit der höchsten Skater-Dichte nach den USA, generiert der Sporthandel mehr als einen Fünftel seines Umsatzes mit rollenden Schuhen. Seit kurzem
werden sogar mehr Inline-Skates verkauft als Autos.
Inline-Skates verändern das Leben. Wer einmal auf Rollen unterwegs ist, kann sich nicht mehr vorstellen, jemals ohne sie existiert zu haben. So mühelos ist die Fortbewegung, dass selbst hochgejubelte
Fussgänger wie Haile Gebrselassie verblassen, obschon dieser zehn Kilometer in weniger als 27 Minuten zurücklegt. Während Profi-Skater Durchschnittstempi von weit über vierzig Stundenkilometern
erreichen, dreht der Äthiopier nur gerade halb so schnell seine Runden.
Obschon es viele nicht wahrhaben wollen: Nicht der Inline-Skater ist heute das Kuriosum im Strassenbild, sondern der Spaziergänger, der mühselig einen Fuss vor den anderen setzt – und trotzdem kaum
vom Fleck kommt. Menschen ohne Gummirädchen an den Füssen sind so anachronistisch wie Kurzsichtige ohne Brille. Besonders in der Stadt sind sie Hindernisse, erratische Blöcke, die erst noch mit
grösster Rücksicht umkurvt werden wollen. Dabei wirken sie im Vorübergleiten wie Überbleibsel aus einer kulturgeschichtlich überwundenen Epoche.
So wahr der Homo sapiens nicht auf allen Vieren geht: Die Mobilisierung der Zweibeiner wird nicht aufzuhalten sein. Erstmals stand 2004 bei den Olympischen Spielen in Athen ein Inline-Marathon über
42,2 Kilometer auf dem Programm. Ausgerechnet dort, wo 490 Jahre vor Christus ein abgekämpfter Grieche zu Fuss die Nachricht vom Sieg über die Perser überbracht hatte. Trotzdem wurde am
Originalschauplatz zusätzlich ein Marathon mit Turnschuhen ausgetragen – wohl aus nostalgischen Gründen.
© Roy Spring 2009
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