«Ihr Biss ist wie ein Mückenstich»

Fledermäuse gelten als blutrünstig, unheilverheissend und dämonisch. Zu Unrecht, sagt Rodrigo Medellín*. Ein Gespräch mit dem mexikanischen Fledertierforscher über Dracula, Vampire und schützenswerte Arten, ohne die es keinen Tequila gäbe.

 

Von Roy Spring

 

An Ihrem Revers steckt ein Fledermaus-Pin. Ein Symbol des Bösen?

 

Keine Sorge, ich bin harmlos. Genauso wie die meisten Fledermäuse. Fast alle Arten ernähren sich von Insekten, Früchten oder Nektar. Eine Million mexikanischer Bulldoggfledermäuse vernichtet in einer einzigen Nacht zehn Tonnen schädlicher Maismotten, gegen die man sonst Pestizide einsetzen müsste. Und ohne Fledermäuse gäbe es in Mexiko keinen Tequila, der für mehrere Dutzend Millionen Dollar weltweit exportiert wird und von dem über 300 000 Arbeitsplätze abhängen.

 

Ohne Fledermäuse keinen Tequila?

 

Ja, sie bestäuben die Agaven, aus denen er produziert wird. Die Pflanzen sind genau auf die mexikanische Langnasenfledermaus abgestimmt: Sie öffnen abends ihre Blüten und verströmen einen süssen Geruch, damit die Fledermäuse ihren Rüssel hineinstecken. Seit einem Jahr versuche ich der Tequila-Industrie beizubringen, dass sich diese gefährdete Art, die von Süd- nach Nordmexiko und bis in den Süden der USA wandert, ausschliesslich von Agaven ernährt. Man muss ihr darum unbedingt ein Prozent der gesamten Ernte als Korridor stehenlassen, damit sie danach nicht verhungert. Im Gegenzug biete ich den Tequila-Produzenten ein «Bat-friendly»-Label an – genau wie beim Delphin-freundlichen Thon. Eine Win-win-Situation!

 

Die meisten Naturschützer kümmern sich lieber um seltene Tiger oder bedrohte Wale. Sie aber ziehen es vor, nachts in Grotten zu kriechen. Woher kommt die Faszination?

 

Zugegeben, man muss ein spezieller Typ sein, um sich der charismatic megafauna zu entziehen. Aber als ich im Alter von zwölf Jahren zum ersten Mal in einer Höhle in den mexikanischen Tropen die unglaubliche Vielfalt der Fledermäuse entdeckte, war es um mich geschehen. Mit 1117 Arten sind Fledertiere die zweitgrösste Säugetierordnung. Es gibt auf der Welt nicht genügend Wissenschaftler, um sie alle zu studieren! Von 528 Säugetierforschern in Mexiko sind nicht einmal dreissig auf diesem Gebiet tätig. Fledermäuse sind noch viel zu wenig erforscht und werden in den Naturschutzprogrammen meist vergessen.

 

Alle finden Pandas niedlicher.

 

Das ist für mich ein Klischee. Man muss Fledermäuse von nahe betrachten, sie sind nämlich sehr hübsch. Sie sind pelzig, und die meisten haben freundliche Gesichter.

 

Wie fliegende Mäuse . . .

 

Nein, ganz anders! Wenn man eine Maus gesehen hat, dann hat man sämtliche Mäuse dieser Erde gesehen. Alle haben eine spitze Schnauze, runde Ohren und Kulleraugen. Fledermäuse hingegen sind völlig unterschiedlich. Es gibt solche mit winzigen und solche mit riesigen Ohren, mit langer und stumpfer Schnauze, mit grossen und kleinen Augen, dicke, dünne, gelbe, rote, weisse. Die mexikanische Myotis planiceps, die zur Gattung der Mausohrfledermäuse gehört und die ich wieder gefunden habe, nachdem sie 1996 für ausgestorben erklärt worden war, ist weniger als drei Gramm leicht und klein wie ein Daumen. Die Grosse Spiessblattnase hingegen hat eine Flügelspannweite von einem Meter. Während Mäuse nur ein, zwei Jahre leben und auf viel Nachwuchs setzen, werden Fledermäuse bis zu 35 Jahre alt und haben im Jahr meist nur ein Baby, das sie sorgsam aufziehen. Darum macht es mich so traurig, wenn Hunderttausende Fledermäuse auf einen Schlag in einer Höhle ausgeräuchert, vergiftet oder in die Luft gesprengt werden.

 

Opfer von Vampiren erkennt man an zwei Bissspuren am Hals. Zeigen Sie mal . . .

 

(Lacht) Zugegeben, auf gewisse Weise bin ich den Fledermäusen ergeben, und in meiner Heimat werde ich oft «Batman» genannt, weil ich mich so leidenschaftlich für sie einsetze. Doch der Biss einer Vampirfledermaus ist ein einzelnes Loch, das in der Grösse und Form aussieht wie ein halbiertes Konfetti. Zudem bevorzugen sie nicht Hälse, sondern eher Knöchel und Fusssohlen.

 

Dann ist in Dracula-Filmen also alles falsch dargestellt?

 

Ja. Der einzige Regisseur, der es richtig zeigte, war Friedrich Wilhelm Murnau im Stummfilmklassiker «Nosferatu» von 1922. In allen späteren Dracula-Filmen haben Vampire immer diese zwei seitlichen Eckzähne – völlig verkehrt! Vampirfledermäuse haben eindrückliche Schneidezähne. Die Eckzähne liegen innen, und sie benützen sie als Scheren, mit denen sie die Haare des Opfers wegrasieren, bevor sie mit den Schneidezähnen zustechen. Diese sind übrigens so scharf wie ein Skalpell. Wenn ich sie mit Nummern markiere, sind meine Hände oft plötzlich ganz klebrig vor Blut, obschon ich Handschuhe trage. Sie sind so scharf, dass man nicht spürt, wenn man sich schneidet.

 

Vampirfledermäuse gibt es zum Glück nur in Lateinamerika und sonst nirgendwo auf der Welt. Wie kommt es aber, dass der Mythos mit den blutrünstigen Untoten, die nachts aus ihren Gräbern steigen und Menschen aussaugen, ausgerechnet aus Osteuropa stammt?

 

Vor der Conquista wurden Fledermäuse in allen Kulturen als Gottheiten verehrt, sowohl bei den Maya als auch bei den Azteken und den Olmeken. Mein Lieblingsstück im Anthropologischen Museum von Mexiko-Stadt ist die Jademaske eines Fledermausgottes, die in einer Grabstätte am Monte Albán bei der Stadt Oaxaca ausgegraben wurde. Die Maya waren den Fledermäusen so dankbar, dass sie den überlebenswichtigen Erntemonat «Zotz» nach ihnen benannten.

 

Und später?

 

Im Jahr 1519 landete der spanische Konquistador Hernán Cortés bei San Juan de Ulúa an Mexikos Küste. In der ersten Nacht wurden seine Pferde wie verrückt von Vampirfledermäusen gebissen. Als Cortés das sah, war er überzeugt, dass dies blutsaugende Ungeheuer gewesen sein müssen. Chronist Bernal Díaz del Castillo verbreitete dies in der «Geschichte der Eroberung von Mexiko», und als Bram Stoker im 18.  Jahrhundert seinen «Dracula» schrieb, bezog er sich darauf und vermischte raffiniert die alte osteuropäische Sage mit den Eigenschaften der Fledermäuse. Von da an war ihr Image ruiniert, auch das der nützlichen und harmlosen Arten.

 

Doch die Vampirfledermäuse sind eine wirkliche Plage. Sie sind vor allem ein Problem für Viehzüchter, weil sie die Tollwut übertragen.

 

Aber das Problem haben die Menschen selbst verursacht. Vor der Eroberung waren Vampirfledermäuse sehr selten, und sie haben sich vom Blut von wilden Tapiren, Nabelschweinen oder Hirschen ernährt. Mit der Besiedlung und den Viehherden wurde ihnen der Tisch gedeckt, und die Population explodierte.

 

Wie kann man das Problem bekämpfen?

 

Was wir brauchen, ist eine strenge Vampirfledermaus-Kontrolle. Ich glaube nicht, dass man sie jemals ausrotten wird, denn sie sind ausserordentlich anpassungsfähig. In Brasilien, in den Favelas bei Rio de Janeiro und São Paulo, gibt es bereits Kolonien, die sich ausschliesslich von menschlichem Blut ernähren. Das ist inakzeptabel! Ein Biss ist zwar nicht viel schlimmer als ein Mückenstich, doch es können Krankheiten übertragen werden. Die Betroffenen gehen dann zur nächsten Höhle und töten die ganze Population. Doch unter den Tausenden Fledermäusen sind höchstens fünfzig bis sechzig Vampirfledermäuse, alle anderen sind nützliche Arten, die von Insekten, Früchten und Nektar leben.

 

Und wie geht man gezielt gegen Vampirfledermäuse vor?

 

In den sechziger Jahren wurde in Mexiko eine Methode entwickelt, die sich das soziale Verhalten zunutze macht: Fledermäuse lecken sich gegenseitig. Man fängt also eine Fledermaus und bestreicht sie mit einem klebrigen Gift. Ist sie zurück in der Behausung, wollen ihr die anderen helfen, es loszuwerden. Es ist ein hässlicher Tod, aber es gibt leider keinen anderen Weg.

 

Welches sind Ihre nächsten Projekte?

 

Zusammen mit meinem Team will ich mich um weitere gefährdete Arten kümmern, bevor sie für ausgestorben erklärt werden. Als Nächstes werden wir eine seltene Haarschwanzfledermaus in Westmexiko aufspüren, die seit dreissig Jahren nicht mehr gesichtet wurde. Ist sie erst einmal mit «EX» – für extinct – auf der roten Liste eingetragen, interessiert sich niemand mehr dafür.

 

Mehr wäre wohl mit globalen Themen wie Klimaerwärmung zu holen als mit ein paar gefährdeten Fledermäusen . . .

 

Genau das ist die Problematik. Ich will auf die Zusammenhänge aufmerksam machen: Wenn sich das Klima stark erwärmt, würden sich die tropischen Vampirfledermäuse verbreiten und in Städten ansiedeln, wo sie heute nicht vorkommen. In Slums, wo die Leute in undichten Hütten leben, könnten sie sich dann auf menschliches Blut spezialisieren.

 

Zum Schluss: Was gibt es aus Fledermausperspektive über die Schweiz zu sagen?

 

Ich kann Sie beruhigen: 100 Prozent sind Insektenfresser. Aber auch in Europa ist noch eine ganze Menge Aufklärung nötig, um das negative Bild der Fledermäuse zu ändern.

 

* Rodrigo Medellín, 51, ist Professor am Institut für Ökologie an der Universität von Mexiko-Stadt. Seit drei Jahrzehnten setzt er sich für den Schutz von Fledermäusen ein. Mit seiner Radiosendung «Aventuras al vuelo» (Abenteuerliche Flüge) oder Vorträgen an Schulen kämpft er leidenschaftlich gegen Vorurteile an. Für seine Arbeit wurde er kürzlich mit dem Rolex Award für Unternehmergeist ausgezeichnet.

 

Dieses Interview erschien am 3. September 2009 in der «Weltwoche»