Im Windschatten der Hollywood-Stars

Am 21. Juni 2009 beginnt das internationale Werbefestival in Cannes. Eine Einstimmung auf die grosse Löwen-Party.

Von Roy Spring

Der rote Teppich ist eingerollt, die Goldene Palme ist vergeben, und der letzte Papparazzi hat sich verzogen. Cannes ist für 2009 vorbei, oder zumindest der offizielle Teil des Festivals. Im Windschatten der Hollywood-Stars pilgern jetzt die Werber an die Côte d'Azur; so sicher wie das Amen in der Kirche, die Zigarette nach dem Sex oder die Paralympics nach den Olympischen Spielen. Statt um exotische Pflanzen kämpfen sie um wilde Löwen aus Gold, Silber und Bronze. Doch genau wie der Veranstaltungsort, ist auch die Trophäe nicht wirklich eine Idee der Kreativen. Für die Lions haben sie sich vom geflügelten Löwen auf der Piazza San Marco in Venedig inspirieren lassen – in Anlehnung an das andere grosse Filmfestival in der Lagunenstadt.

Die Parallelen zu Hollywood sind alles andere als zufällig. Die Gründer der Trittbrettveranstaltung beanspruchten anno 1954 für Werbefilme das gleiche Rampenlicht wie die Filmindustrie für ihre bejubelten Kinostreifen. Zumindest zahlenmässig ist die Rechnung aufgegangen: 187 Spots wurden bei der ersten Austragung vor 55 Jahren beurteilt – im letzten Jahr waren es nicht weniger als 22'600 Arbeiten. Trotzdem blieb die Aufmerksamkeit ziemlich gering und das Werbefestival mehr oder weniger ein brancheninternes Geheimtreffen.

Das ist kein Wunder. Denn anders als beim Filmfestival reisen nicht etwa diejenigen nach Cannes, die etwas Grossartiges geleistet haben. Sondern vor allem diejenigen, die in der Agentur gerade nichts Besseres zu tun haben. Auf der Croisette und im Palais des Festivals et des Congrès müssen sich die Festival-Nachzügler deshalb auch nicht auf ein Blitzlichtgewitter gefasst machen. Sie bleiben immer schön unter sich und können ungestört geniessen, im gleichen Hotel wie kurz zuvor Quentin Tarantino oder Penélope Cruz abzusteigen. Oder bei knapperem Budget wenigstens in der Bar desselben ein paar Drinks zu schlürfen.

Die Frage ist bloss, ob das für alle Zeiten so bleiben muss. Könnten nicht wenigstens die nach Cannes Abgesandten mit ein paar handfesten Skandalen für ein paar Schlagzeilen sorgen? Schliesslich gibt es da so einige Tricks, mit denen es wirkliche Stars immer schaffen, im Gespräch zu bleiben. Die bewährten Klassiker sind:

 

  • Verwüsten des Hotelzimmers (vorher mit Agentur Spesenfrage klären!)
  • sich den Kopf kahlrasieren und anschliessend tätowieren lassen
  • dramatische Verfolgungsjagd mit der Polizei (live auf CNN?)
  • Prügelei mit dem Türsteher eines Privatclubs
  • ein Kind adoptieren (evtl. mit Talent als Grafik-Assi)
  • Affäre mit einer Prostituierten, die sich anschliessend als Transvestit herausstellt


Falls auch das nichts nützt, sollten sich die Werber langsam überlegen, ein Haus weiter zu ziehen und etwas noch Glamouröseres auf die Beine zu stellen (z.B. im Kodak Theatre, 6801 Hollywood Boulevard, Hollywood, CA 90028). Verdächtig an Cannes ist ja schon der Name, der vom lateinischen „canna“ für Schilf hergeleitet ist. In Cannes zu sein bedeutet demnach nichts anderes als „im Schilf“ zu stehen...

In diesem Sinn: Licht aus – Werbespot an!

Diese Kolumne erschien am 19. Juni 2009 auf persoenlich.com

 

Mehr zum Thema: Exklusives Interview mit dem Schweizer Star-Werber Rocky Albula.