Der entblösste Bauchnabel

Ist das Herzeigen des Geburtsmals in der Körpermitte nur eine kurzlebige Modeerscheinung?

 

Von Roy Spring

Es gibt kein Wegschauen mehr. Die Defilees auf den Laufstegen von New York, Paris und Mailand haben gezeigt: Auch 1997 werden sich die Blicke auf freigelegte Bäuche konzentrieren. Genauer gesagt, auf eine kleine Vertiefung in dieser Region: den Nabel. Zum besseren Verständnis haben Starmodels wie Naomi Campbell und Christy Turlington die fragliche Stelle mit glitzernden Edelstahlringen markiert.

Eine schrumpelige Narbe, bislang kaum beachtet, steht auf einmal im Zentrum der modischen Aussage. In Amerika, wo neuerdings jedes Jahr die Frau mit dem schönsten Bauchnabel – die «Miss Belly Button» – erkoren wird, sprach ein Gericht einem Fotomodell ein Schmerzensgeld von umgerechnet 1,3 Millionen Franken zu, weil ihr Bauchnabel nach einer Schönheitsoperation ein paar Zentimeter nach oben verrutscht war. Ganz genau schaute auch der bekannte britische Verhaltensforscher Desmond Morris hin. Dabei fand er heraus, dass viele Models ihren Bauch unbewusst in die Länge strecken, um ihren Bauchnabel zu einem senkrechten Schlitz zu machen und ihm «eine genitale Qualität» zu verleihen. Morris verglich die Aktmalerei vergangener Jahrhunderte mit der modernen Fotografie und stellte fest, dass das Schlitz-Phänomen heute sechsmal häufiger vorkommt. So unbedeutend kann er nicht sein: dieser Bauchnabel.

Höchste Zeit also für eine Reise zum Ursprung des Lebens: an die Frauenklinikstrasse 10 in Zürich, Nordtrakt, Etage C. Nicht alle Ärzte auf der Neugeborenenstation des Universitätsspitals sind bereit, zu etwas so Unbedeutendem wie dem Bauchnabel freizügig Stellung zu beziehen. Professor W. zeigt sich von seiner beleidigten Seite. Auf das Aussehen des Bauchnabels habe der Arzt keinerlei Einf1uss, sagt er mürrisch, die Universitätsklinik habe weiss Gott Grösseres geleistet. «Man muss endlich von der mystischen Vorstellung wegkommen, dass der Nabel vorn Menschen gemacht wird.» Professor W. lehnt im Namen seines Berufsstandes jede Verantwortung ab.

Um mich zu überzeugen, wie unspektakulär das Entstehen des Bauchnabels ist, bringt er mich zu Dr. Diego Mieth, dem leitenden Arzt der Neugeborenen-Intensivabteilung. Innerhalb von 40 bis 60 Sekunden nach der Geburt, so Mieth, wird die Verbindung zwischen Mutterkuchen und Fötus mit zwei gezahnten Klemmen unterbrochen, die aussehen wie Krokodile. Dann wird die durchschnittlich 51 Zentimeter lange und rund zwei Zentimeter dicke Pipeline aus gallertigem Gewebe in der Mitte gekappt. In vielen Kliniken vollzieht diesen Akt der Vater, für ihn ist das Zerschneiden des Strangs mit der Nabelschere ein grosser Augenblick – wenn es auch irgendwie an die feierliche Eröffnung eines neuen Autobahnteilstücks erinnert.

Die definitive Abnabelung geschieht unter Ausschluss der Eltern. Dazu setzt die Kinderschwester eine weitere Klemme an, anderthalb Zentimeter über dem Bauch. Knapp darüber coupiert sie die Nabelschnur, stülpt eine Rundgaze über den Stummel. Wir haben Glück, im Nebenraum liegt ein fertig konfektioniertes Kind. Es ist am Vormittag zur Welt gekommen; viel zu früh, nun liegt es in einem durchsichtigen Schaukasten. Doktor Mieth greift hinein, vorsichtig entfernt erdie Gaze. Wie ein Geschwür sitzt der Stumpf auf dem runden Bauch, er ist tiefblau eingefärbt mit einem Desinfektionsmittel aus England. Die hellblaue Plastikklemme «Pharma Plast» kommt aus Dänemark, sie wird steril und einzelverpackt in Schachteln zu 700 Stück vom Importeur in Belp angeliefert.

Der Fremdkörper wird nach zwei Tagen entfernt. Innerhalb einer Woche vertrocknet der Nabelstumpf und fällt ab. Zurück bleibt eine schrumpelige Narbe. So entstehen in der Schweiz jährlich rund 80 000 neue Bauchnabel.

Und keiner ist wie der andere. Bei genauem Hinsehen tun sich Welten auf: Es gibt kleine und grössere, nach innen gestülpte und nach aussen gekehrte, kreisrunde und geschlitzte, wulstige und eher flache. «Manche sind an diesem Ort äusserst empfindlich, andere überhaupt nicht.» Das sagt Sigi Dittli, die in einem Zürcher Tätowierstudio Bauchnabel schmückt. In einem Köfferchen hat alles Notwendige Platz: eine Zange, mit der sie die Falte oberhalb des Nabels einquetscht; eine messerscharfe Kanüle, die sie durchs Fleisch bohrt; Desinfektionsmittel. Auf schwarzem Samt liegen Ringe und Stecker mit farbigen Steinen. Die gelernte Krankenschwester findet gepiercte Bauchnabel schlicht erotisch – obschon ihr eigener allergisch auf das Metall reagierte und sich entzündete.

Schon im alten Ägypten verzierten die Pharaonen ihre Bauchnabel – selbst Kleopatra setzte dort einen Akzent. In der griechischen Mythologie begehrte Herakles, der bärenstarke Held, den «Mond am dunklen Leib der Nacht» der lydischen Königin Omphale (von griech. Omphalos: Nabel); sie war – so geht die Sage – «eine unzüchtige, lüsterne, gierige Frau». Auch in der Bibel wird die sinnliche Bedeutung des Bauchnabels angetönt: König Salomo vergleicht ihn mit einer der Vagina ähnlichen runden Schale. Die frühen Christen glaubten, der Nabel sei ein Grübchen, das der Schöpfer beim Erschaffen des Menschen in den Körper bohrte. Doch der jüdische Talmud hielt 500 n. Chr. ein für allemal fest: Adam und Eva hatten keinen Nabel, denn sie waren nicht vom Weibe geboren. Damit beim Bauchnabel von Jesus niemand auf falsche Gedanken kommt, ist er auf Darstellungen oft mit einem Auge, einer Spirale oder einem Kreuz kaschiert.

Sprühende Bauchnabel-Erotik kommt auch in der modernen Literatur vor, etwa im berühmten «Brausepulver»-Kapitel in Günter Grass’ «Blechtrommel». Der zwergenhafte Romanheld Oskar Matzerath schüttet der schönen Maria den Rest eines Himbeerbrausetütchens in den Bauchnabel, lässt seinen Speichel dazufliessen, und in Marias Krater fängt es an zu kochen. Maria beugt sich vor, «aber ihre Zunge war nicht lang genug: ihr Bauchnabel war ihr entlegener als Afrika oder Feuerland». Oskars Zunge liegt Marias Bauchnabel näher; «ich vertiefte meine Zunge in ihm, suchte Himbeeren und fand immer mehr».

Wer sucht und immer mehr finden will, wendet sich am besten an einen Psychoanalytiker. Ein solcher ist Franz-Xaver Jans in Adligenswil, Anhänger von Carl Gustav Jung und seiner Lehre vom kollektiven Unbewussten. Für ihn ist die aktuelle modische Betonung der Körpermitte kein Zufall. Nach seiner Erfahrung wird der Bauchnabel immer dann zum Thema, wenn der Mensch in Zeiten persönlicher Krisen und lebenswichtiger Entscheidungen, etwa in der Midlife-crisis, auf den Weg seiner Selbstfindung verwiesen wird. Für den Jungianer ist die Nabelschau nichts anderes als ein Ausdruck der Suche nach der eigenen Mitte.

Zu Franz-Xaver Jans kommen immer wieder Leute mit Bauchnabelträumen. Er erinnert sich an die Vision eines Drogenabhängigen, der sich auf einem LSD-Trip in einer Grube wiederfand. Da wuchs aus seinem Bauchnabel eine Liane, schlang sich um eine Tanne und zog ihn aus dem dunklen Loch hinaus. «Es ist die Sehnsucht nach dem Zurück in den Schoss der Mutter, aber auch Rettung und Wiedergeburt», interpretiert Jans. Indem sich der Mann der Urmütterlichen Geborgenheit der Erde übergab, fand er einen Ausweg aus seinem Schlamassel.

Einmal kam eine Frau zu ihm, sie hatte am Abend zuvor am Fernsehen eine Modeschau gesehen. Ein Kleid, es war nabelfrei, hatte sie tief beeindruckt. In der folgenden Nacht träumte sie: Sie stand am Fenster, ihr Bauch war nackt. Auf einmal kroch ein schlangenähnliches Wesen aus ihrem Bauchnabel. Der Psychotherapeut ging der Sache auf den Grund. In vielen Gesprächen fand er heraus, dass die Frau niemals Bikinis oder kurze Tops trug, weil sie ihren Bauchnabel für unansehnlich hielt. Sie störte sich auch an der Freizügigkeit anderer Frauen, empfand nackte Bauchnäbel als höchst unanständig. Durch die Therapie lernte die Frau, zu ihrem Bauchnabel zu stehen; Kern ihres Problems waren ihre Mutterbeziehung und die Frage der eigenen Mutterschaft. Jans: «In einem Folgetraum verwandelte sie sich in eine blühende Rose, rot-gelbe Blüten wuchsen aus ihrer Körpermitte.»

Dass der Bauchnabel auf immer mehr Männer eine erotisierende Wirkung ausübt, bedeutet für den Psychoanalytiker eine zunehmende Sehnsucht nach Geborgenheit. Beim orientalischen Bauchtanz werden die Blicke von jeher auf die schwingende Körpermitte gelenkt, während in unseren Breitengraden, so Jans, «ein unendlicher Kult um die Brüste» herrscht. Das sei ein typischer Ausdruck der westlichen Gesellschaft, die auf Genuss und Konsum fixiert ist. Im Gegensatz zur Mutterbrust ist das Geburtsmal eine archaische Erinnerung an die präorale Phase, als die Nahrungsaufnahme nicht über den Mund, sondern über die Nabelschnur erfolgte. «Der Bauchnabel erinnert den Menschen daran, dass er früher einmal in einer ganz anderen Abhängigkeit stand.»

Denn im Grunde hängt doch alles zusammen. Wenn der menschliche Mikrokosmos einen Nabel hat, der die Generationen verbindet, dann hat auch der Makrokosmos einen Nabel – und der Urknall war eine kosmische Nabelexplosion. Bei den alten Griechen symbolisierte der Omphalos-Stein im Apollontempel in Delphi die Weltmitte – Göttervater Zeus hatte die Stelle eruiert, indem er zwei Adler in die entgegengesetzte Richtung losfliegen liess. Für die Römer bedeutete der «umbilicus orbis» auf dem Forum Romanum in Rom das universelle Zentrum, bei den Juden ist es der Berg Sinai, im Islam die Kaaba von Mekka. Und wieder tun sich Welten auf: Ist die unverhüllte Leibesmitte etwa doch mehr als bloss eine von Hennes & Mauritz propagierte Modeerscheinung?

Einen Hinweis auf den tieferen Sinn der grassierenden Nabelschau liefert die hinduistische Mythologie: Aus dem Bauchnabel von Wischnu wächst eine Lotosblume, die immer weiter aufblüht und schliesslich den Schöpfergott Brahma hervorbringt – das bedeutet den Beginn eines neuen Weltzeitalters.

Unsicher sind die Zeiten der Wende, und immer mehr Zulauf haben die Yoga-Schulen. Hier wird mittels ausgeklügelter Sitzposition und Atemtechnik versucht, in die Körpermitte (Hara) hineinzuhorchen und Teil des universellen Geistes zu werden. «Es geht um das tiefe Empfinden des Zentrums, von wo aus die Energie entsteht», erklärt die Berner Yoga-Lehrerin Judith Adank. Der Bauchnabel sei die Gegend, wo sich alle Verkrampfungen und Ängste konzentrieren.

Kein Weg zur Selbstfindung führt also am unscheinbaren Eingangstor zur Mitte vorbei. Vorbild von Judith Adank ist die Figur des tanzenden Gottes Schiwa: Er steht auf einem Fuss, alles ist in Bewegung, und trotzdem bleibt er immer perfekt im Gleichgewicht. «Wir müssen wieder unsere innere Harmonie finden, damit wir nicht aus unserer Mitte fallen und straucheln», sagt sie.

Vom Balanceakt der Top-Models, die sogar in Stöckelschuhen noch ein Buch auf dem Kopf balancieren können, hält sie aber so gut wie nichts.

Dieser Artikel erschien am 24. Oktober 1996 in der «Weltwoche»